Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ttr. Ii Bar jüdische Arbeiter Seite-1 führten zu dieser Zeit einen Kampf auf zwei Fronten: Gegen den „Bund" auf der einen und gegen die Zionisten auf der anderen Seite. Und um einer Verwechslung mit den letzteren zu entgehen, mußten wir uns sehr bemühen, auch in unserer Terminologie streng selbständig zu sein. Doch muß ich sagen, daß wir auch damals nicht sehr Angst hatten vor den sozusagen anstößigen Worten und auch in unserem Programm, das damals ausgearbeitet wurde, findet ihr auf Schritt und Tritt die Worte: „Das jüdische Volk". Seit damals aber hat sich sehr viel geändert. Der Unterschied zwischen uns und den andern Parteien ist genug klar zutage getreten. Niemand mehr wird sich in uns täuschen. Jetzt also ist das Bedürfnis entstanden, in einer neuen, reicheren: Terminologie zu sprechen. Wir dürfen und wir müssen jetzt auch die Gefühlssprache gebrauchen, jetzt können und müssen wir sagen: Palästina! Ein jüdisches Heim! Nur letzten Endes ist das alles nicht so wichtig. Die Hauptsache ist unser Programm und hier bleibt alles beim alten. Unser Ausgangspunkt bleibt das Klasseninteresse des jüdischen Proletariats, der Zionismus — der maximale Punkt unseres Minimum- Programmes; der Weg, unser Programm zu verwirklichen — der Klassenkampf. Unser Klassenkampf ist aber ein außergewöhnlicher und unnormaler. Ihn hindern die allgemeinen Bedingungen, unter denen die ganze Nation lebt. Ihn hindert der nationale Kampf, welcher, wie wir bereits einmal hervorgehoben haben, einen Zusammenstoß der Produktionskräfte der Nation mit den Produktionsbedingungen, in denen sie sich befindet, darstellt. Schwach war einmal das internationale sozialistische Proletariat. Sein Kampf schloß nur regulative, befreiende Momente in sich. Er beschäftigte sich nicht mit der Diplomatie, nicht mit der nationalen Frage. Was sehen wir aber jetzt? Der Kampf um die sozialistische Konferenz in Zimmerwald, um die internationale sozialistische Konferenz in Stockholm zeigt .den Beginn einer neuen Periode im Kampf des allweltlichen Proletariats an. Und in diesem Moment erscheint der jüdische Arbeiter mit seiner großen Begeisterung, mit seiner gewaltigen revolutionären Energie. Seine Wirkung aber ist klein und muß so bleiben, weil er auf enges Gebiet begrenzt ist. Er gleicht Prometheus, zugeschmiedet zum Felsen . . . Und diese Tragödie bringt das jüdische Proletariat dazu, zu fühlen, daß ein Land für das jüdische Volk notwendig ist. Der jüdischen Arbeiterklasse muß das Land als „strategische Basis" in ihrem Kampf dienen, ja noch mehr, als Basis für ihr Schaffen. Früher haben wir betont: Der Zionismus ist ein selbsttätiger Prozeß. Wir müssen bloß die Hindernisse auf seinem Weg beseitigen. Auf diese Weise haben wir die gesamte schaffende Arbeit der Bourgeoisie allein überlassen. /Es gibt aber mechanische und organische selbsttätige Prozesse. Und wenn wir früher darauf hinwiesen, daß die selbsttätige Emigration schon begonnen hat, war das nicht richtig. Vorläufig hat nur die organische Arbeit begonnen. In diesem Punkte hatten die Zionisten mehr Recht als wir. Wir verstehen auch, woher unsere damaligen Ansichten stammen. Es war dies die große Reaktion gegen die damals unter den Zionisten herrschende Meinung, alles hänge nur vom Willen des Volkes ab. Die Tendenz der Arbeit in Palästina hat uns aber zu ganz anderen Gedanken gebracht. Die Kolonisation ist überhaupt eine sehr schwere Aufgabe und unter besonders schwierigen Bedingungen vollzieht sich die Kolonisation in Palästina. Und doch sehen wir, daß sie, trotz aller Hindernisse und Fehler, die begangen wurden, immer mehr erstarkt. Auch ihre Methoden werden vollkommener, sie nähern sich dem sozialistischen Ideal. Ich meine hier die kooperative Kolonisation überhaupt, insbesondere die, welche nach Opperheimers System in Palästina vor sich geht. Diese Kolonisation, in welcher der jüdische Arbeiter eine große Rolle spielt, ist auch der Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft in Palästina. Zugegeben, das ist nicht Sozialismus, auch nicht der Weg zu ihm. Es ist aber eine Schule der Selbsthilfe für das jüdische Proletariat. In Palästina gibt es schon jetzt ein autonomes jüdisches Leben. Der kleine jüdische Jischuw dortselbst hat sogar sein Gericht, seine Post und seine Währung. In diesem kleinen autonomen Jischuw hat nach und nach unsere Arbeit Wurzeln geschlagen. Dort ist schon jetzt in Wirklichkeit eine kleine jüdische Arbeiterklasse vorhanden, die aber, wie ich schon erwähnt habe, im Lande eine große Rolle spielt. Es gibt dort Organisationen und Anstalten, die die jüdische Arbeiterschaft geschaffen hat und die von allen anerkannt werden, zum Beispiel der „Haschomer" und der Palästina-Arbeiterfonds. Von großer Bedeutung für uns ist auch der Umstand, daß Palästina ein halbagrikulturelles Land ist und aus diesem Grunde sich am besten für den jüdischen Emigranten eignet, der ein städtischer Einwanderer ist. Palästina steht auch, wenn man so sagen darf, im Zentrum der jüdischen Oeffentlichkeit. Alles, was dort gemacht wird, zieht die Aufmerksamkeit von Freund und Gegner auf sich. Dieser Umstand bietet die beste Kontrolle für die Arbeit. Man weist aber auf die Hindernisse hin, welche die jüdische Kolonisation in Palästina gefunden hat: Die türkische Gesetzgebung, Palästina ist überhaupt zu klein, und dazu kommt noch die moderne Beschuldigung, daß wir die Araber unterdrücken und vertreiben wollen. Fürs erste will ich darauf verweisen, daß. nach, den neuen Untersuchungen, beispielsweise vonChawer Ben-Zwi, Palästina in seinen weiteren Grenzen 80.000