Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Der jüdischte Arbeiter Nr. U VI. Doch' freilich, die letzten Jahre brachten auch' die Spaltung des Sozialismus. Für uns bedeutet dies die Zerstörung der natürlichen Verbindung mit der jüdischen Arbeitermasse von Rußland und der Ukraine, bedeutet dies auch die Spaltung der Poale- Zion-Bewegung in den wichtigsten Ländern. Nicht nur Idie widersprechenden Tendenzen des jüdischen Lebens, auch1 die internationalen Probleme entzweien das jüdische Proletariat. So tragisch' dies ist, so ist es doch unvermeidlich, seitdem die Poale-Zion zu einem aktiven Teil der internationalen sozialistischen Armee geworden sind. Im Anfang der Entwicklung, als der aufsprießende Sozialismus nur ein jenseitiger war, als er nur für die Zeit jenseits des Golus, nach' der Verwirklichung des Zionismus aktuell zu werden bestimmt war, wäre die Spaltung aus internationalen Gründen vermeidbar gewesen. Nun aber, da wir, unserem Herzen folgend und den Bedürfnissen des jüdischen Proletariats, organisierte internationale Sozialisten wurden, mußten wir auch' das Leid des internationalen Sozialismus teilen. Im Jahre 1920, als die sozialistische Krise zur Spaltung der Unabhängigen in Deutschland, der Sozialistischen Partei in Frankreich usw. führte, wurde auch" der Poale-Zion-Verband gespalten. Erst die heute noch nicht aktuelle Ueberwindung der sozialistisch-kommunistischen Krise durch Verwirklichung der wahrhaft internationalen proletarischen Einheit wird auch unserer Bewegung wieder die verlorene Einheit bringen. Denn wenn auch in den Jahren nach dem Kriege im Leben der jüdischen Volksmassen neue Richtungen entstanden, die einen nationalen Sozialismus predigten, so ist von ihnen die poale-zionistische Auffassung unberührt geblieben, Der Poale-Zionismus ist kein nationalistischer Sozialismus. Gewiß, die Poale Zion stehen ohne Scheu vor den dornenvollen Grundlagen des jüdischen Lebens, und nehmen es, wie es historisch geworden ist, in all seiner widerspruchsvollen Kompliziertheit, sie wollen allen Nöten und Bedürfnissen des jüdischen Proletariates entsprechen, dabei aber stets treu bleibend den Grundsätzen des internationalen Sozialismus, denn die Jahrzehnte haben die Erkenntnis eingehämmert, daß die internationale wie die soziale Befreiungsbewegung nur möglich ist an Seite des internationalen sozialistischen Proletariats, mit dem die jüdische Arbeiterklasse in Gedanke und Gefühl unlösbar verbunden ist. Ber Bor och o w.- Palästina in unserem Programm und unserer Taktik1*. Dieser Vortrag wurde auf der drittem Konferenz der jüdischein sozialdemokratischen Arbeiterpartei „Poale Zion" Rußlands, die am 8. September 1917 in Kiew stattfand, gehalten. Kurz vorhieir war Boiochow von Amerika nach Rußland zurückgekommen. Es ist dies der letzte Vortrag1, den Borochow auf einen" poale-zkmistiscbJen Konferenz gehalten hat. D. Red. „Neue Zeiten, neue Vögel, neue Lieder", meint der Dichter. Auch an uns ist die Zeit nicht wirkungslos vorübergezogen, sie mußte auch' bei uns neue Worte, neue Taten hervorrufen. Vor zwölf Jahren' sind wir schon zum erstenmal als organisierte Partei ins jüdische Leben getreten. Seit dieser Zeit hat sich1 das Proletariat überhaupt stark entwickelt und ist herangereift, in dem gleichen Zeitraum ist aber auch' das jüdische Proletariat reicher und stärker geworden. Einst strebte das Proletariat überhaupt nur darnach, die Hemmnisse auf seinem Wege zu beseitigen, nunmehr will es aber auch schaffen, ein neues Leben aufrichten. Auch' unsere Bestrebungen sind größer geworden, wir müssen deshalb unser Programm erweitern. .Wir wollen auch unsere Terminologie reicher und1 'biegsamer machen. Einstmals haben wir das Leben naiv-realistisch betrachtet und bloß von der J) Aufgezeichnet und veröffentlicht durch den Delogierten und Sekretariatsmitglied der Konfei'enz; Gen. Soh'. Her,, im Beriebt über die dritte russische Poale-Zionl- Konferenz, „retrograder Tageblatt', Nr. 123 vom 13. Oktober 1917. realistischen1 Seite unsere Forderungen formuliert. Nunmehr aber haben sich bei uns auch 'kulturellästhetische Bedürfnisse eingestellt und auch für sie müssen wir einen Ausdruck finden. Nehmen wir zum Beispiel den Sozialismus. Er hat in sich' verschiedene Momente. Oekonomisch bedeutet er: Sozialisierung, Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel. Politisch': Die Diktatur der arbeitenden Massen. Er hat aber auch ein Gefühlsmoment in sich. Er will die Herrschaft des Egoismus abschaffen, dem Tohu Wabohu, der schrankenlosen Anarchie der kapitalistischen Ordnung ein Ende bereiten. Dieselben drei Momente finden wir auch' im Zionismus. Oekonomisch bedeutet er: Konzentrierung der jüdischen Massen in Palästina. Politisch: Die Erlangung einer territorialen Autonomie für das jüdische Volk in Palästina. Und in der Gefühlssprache: Das Streben nach einem eigenen Heim. Dieses Bedürfnis, auch' unseren Gefühlen einen Ausdruck zu geben, ist bei uns in der letzten Zeit mächtig angewachsen und wir schämen uns dessen nicht. Das Bedenken von „Warum sollen die anderen Völker sagen" kümmert uns nicht mehr. . . Vor zwölf Jahren haben wir uns an das bekannte Wort aus dem Volksmund gehalten: „Besser ein Jude ohne Bart als ein Bart ohne. Jude". Wir hielten da* mals nicht von Romantik, Ornamenten und Ausschmückungen. Es mußte auch damals so sein. Wir