Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 14 Itor jüdisotte Arbeiter Seite 5 Auch' in Amerika waren es die Poale-Zion, die in ähnlicher Weise auf dem Gebiete der jüdischen Kulturarbeit bahnbrechend wirkten; sind doch die national-radikalen Schulen hauptsächlich dank ihrer Mitarbeit geschaffen worden. V. Doch' verharren wir nicht bei den Vorkriegszeiten. Es kam bald die Katastrophe des Weltkrieges, gefolgt von Revolution und Restauration, von der Zerstörung der absoluten und halbabsoluten Nationalitätenstaaten und der Errichtung neuer National-, nein neuer Nationalitätenstaaten. Welchen Verlauf nahm nun die Poale-Zion-Bewegung? Betrachten wir zuerst die internationale Seite. Gerade als der Krieg die sozialistische Internationale in Trümmer schlug, richteten auf sie, auf ihre Wiedererstehting, die Poale Zion erwartungsvoll ihre Hoffnung. Als der Krieg sich dem Ende zuneigte, da begannen unsere Jugendträume, die Jugendsehnsucht der Bewegung sich zu erfüllen. Es kam die Anerkennung der sozialistischen Internationale, die ihren Anfang in der Epoche des holländisch-skandinavischen Komitees und bei diesem selbst nahm. Damals gewannen wir die Sympathien großer Teile des internationalen Proletariates für unsere Anschauungen, die der Vielfältigkeit des jüdischen Lebens und seiner Nöte entsprechen wollten. Nicht die abstrakte Anerkennung des internationalen Charakters der Judenfrage war wesentlich, sondern die gleichzeitige Betonung der Notwendigkeit, den jüdischen Volksmassen in den Ländern der Massensiedlung, die politischen und nationalen Minderheitsrechte international zu garantieren und ihnen die Kolonisation und den Aufbau Palästinas zu ermöglichen. Freilich, die Staaten bauten sich unter kapitalistischer Restauration auf. Die nationalen Minderheitsrechte sind danach ebenso problematisch wie der Völkerbund überhaupt, während der Aufbau des jüdischen Heimes in Palästina unter dem Protektorate Englands zugleich die Unterwerfung unter seine imperialistischen Interessen bedeutete. Doch die vom Poale-Zi,onismus erworbenen Sympathien für die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, vor allem die Solidarität des internationalen Sozialismus mit den Nöten und Idealen des jüdischen Proletariates sind wohl dauernder Natur. Wie aber steht es um die Werbekraft des Poale- Zionismus im jüdischen Proletariat selbst? Nun, es seien auch hier nur einige Hinweise gemacht. In Amerika, wo die großen jüdischen Arbeiter-Organisationen, die Gewerkschaften, die Arbeiterorden usw. in Konsequenz ihres naiven Kosmopolitismus geradezu antinational sein wollten, hat sich ein gewaltiger Umschwung vollzogen. Seit der Arbeiterkönferenz im Jahre 1917, in welcher die nationalen Minderheitsrechte für die Länder jüdischer Massensiedlung ebenso wie der Aufbau Palästinas proklamiert wurden, bis zu den Gewerkschafts-Campaigns für das arbeitende Palästina, die nun eine ständige Einrichtung geworden zu sein scheinen, hat eine Entwicklung eingesetzt, zum Teil sich vollzogen, die ganz dem Poale-Zionismus entspricht, während die bundistischen Strömungen und Ideologien dort immer mehr zurücktreten. Nur in Polen gibt es einen starken „Bund", der antizionistisch ist. Aber nehmt seine Zeitschrift, die seit diesem Herbst erscheint, und es ist augenscheinlich, daß der „Bund" Ideen, die er durch Jahre vertreten hat und die durch ein Ignoramus in allen nationalen Fragen (wir wissen nichts!) ausgezeichnet waren, schrittweise aufgegeben, immer mehr Elemente aus unserer Ideologie sich angeeignet, den Forderungen der jüdischen' Wirklichkeit sich immer mehr genähert hat. Er nimmt teil an den jüdischen Kultusgemeinden, an der jüdischen Emigrationsarbeit und wendet bereits seine Aufmerksamkeit der wirtschaftlichen Umschichtung zu. Hat sich also die vom Poale-Zionismus gegebene Analyse der jüdischen Wirklichkeit bewährt? Nun, in der Kriegs- und Nachkriegszeit hat sich die eigenartige wirtschaftliche Struktur des jüdischen Volkes besonders scharf bemerkbar gemacht. Große Teile, die in Handwerk und produktiver Beschäftigung Erwerb gefunden hatten, sind entwurzelt worden. Die Notwendigkeit nach wirtschaftlichem Umbau, nach Auswanderung und Kolonisation ist krasser noch als früher. Aber wird man nicht einwenden, daß die . Auswanderung ihre frühere Bedeutung verloren, daß sie aufgehört hat, der charakteristische Ausdruck der unnormalen wirtschaftlichen Lage zu sein? Doch die Antwort ist klar. Amerika schließt seine Tore immer enger und weil die Einwanderung nicht möglich ist, schrumpft die Auswanderung zusammen. Aber die Tendenzen zur Auswanderung sind dieselben geblieben. Die Bedürfnisse haben nicht aufgehört. Es besteht nach wie vor die Notwendigkeit, die jüdischen Massen umzuschichten, sie in die Landwirtschaft und Industrie zu verpflanzen, eine Kolonisationstätigkeit zu entfalten. Die neuen Staatsgrenzen in Osteuropa •. haben keine Besserung gebracht, es sei denn eine Verschlimmerung und dasselbe gilt bezüglich der revolutionären Ereignisse in Rußland. Im Gefolge der Revolution sind die jüdischen Massen wirtschaftlich noch mehr entwurzelt worden und die Sowjetmacht, die aus politischen Gründen den Zionismus bekämpft, sieht als Ausweg aus dem Jammertale, in dem sich die verelendeten Judenmassen befinden — die Uebersetzung des Zionismus in's Russische, die Verwirklichung des Zionismus in Rußland — durch ihre Ueberführung in die Landwirtschaft in eigenen jüdi- Kolonien, ev. in ganzen jüdischen Kolonisationsgebieten. In Palästina selber aber sind im wechselvollen Ablauf von Aufschwung und Rückschlag Grundsteine der Kolonisation gelegt worden, gibt es Zellen eines werdenden jüdischen Gemeinwesens, gibt es vor allem eine selbstbewußte jüdische Arbeiterschaft, die Avantgarde unseres Volkes, die Vorhut der gewerkschaftlichen und sozialistischen Internationale im Osten.