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Der Jüdische Arbeiter · 1927-12-01 · Heft 14 (Dezember 1927) · page 5

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 14 (Dezember 1927)
Date
1927-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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»Seite .4 Der' jüdische Arbeiter Nr. 14 tischen Rüstzeuges war, daß er zu den Ersten auch im internationalen Sozialismus — mit marxistischer Methode die nationale Frage zu klären, den Komplex der jüdischen Probleme zu analysieren gesucht hat. Es ist ein weiter Weg, der da zurückgelegt wurde. Im Anfang war lediglich die Vorstellung und der .Wunsch vorherrschend, den Zionismus sozialistisch zu gestalten und so einen sozialistischen Zionismus zu schaffen. Dann kam z. B. in Oesterreich jenes Stadium, in welchem der Zionismus als Endmittel erklärt wurde, der die Judenfrage zu lösen, und normale, d. h'. den anderen kapitalistischen Ländern gleiche Verhältnisse zu schaffen habe, damit unter ihnen in „normaler Weise" durch Klassenkampf der Sozialismus erkämpft werde, der als Endziel erschien. Der Werdegang der poale-zionistischen Beiwegung und Ideologie ist auch verknüpft mit der Entwicklung zweier Parteien, die zum Teil. denselben Ursprung hatten wie die Poale Zion, die eine Zeitlang sehr einflußreich unter der jüdischen Arbeiterschaft, insbesondere Rußlands, waren, die aber keinen Bestand hatten und nur geistig in die Geschichte oder Vorgeschichte des Poale-Zionismus eingegangen sind. Es ist die Partei der Zionisten-SozialHsten (S. S.), die im Leben der Juden vor allem die Tendenzen der Entartung und Zerstörung sahen, die in die Emigration mündeten, die allein zum Motor der Entwicklung, zur Kolonisation im eigenen Lande werden sollte, wo hingegen die andere Partei, der sogenannten Sejmisten, die gleichfalls aus den ersten Poale- Ziongruppen in Rußland geworden war, nachdem sie sich mit der national-revolutionären Intelligenz vereinigt hatte, besonders die positiven Elemente und Faktoren im Leben der Juden hervorhob und die eigentliche Vertreterin der jüdischen Renaissance der Gegenwart wurde, wobei sie als Mittel zur vollen Befreiung den nationalen Landtag (Sejm) betrachtete. Die beiden genannten jüdischen Arbeiterparteien, die beinahe als Antipoden in der Beurteilung der jüdischen Entwicklung einander gegenüberstanden, nahmen in ihre Konzeption die Schaffung eines jüdischen Heimes auf, beide aber sagten sich los von der gegenwärtigen Mitarbeit an der Kolonisation Palästinas. Letzteres unterschied sie von den Poale-Zion, die im übrigen allen Tendenzen des jüdischen Lebens zu entsprechen suchten und so sich zu einheitlicher Auffassung durchrangen. IV. Gewiß trotz einheitlicher Auffassung in den wesentlichen Dingen bestanden Abweichungen von Land zu Land, bestanden insbesondere auch Verschiedenheiten in der zeitlichen Entwicklung, wobei die Beurteilung der positiven und negativen Faktoren schwankte. Dennoch steht seit zwanzig Jahren das .Wesen der Poale-Zion fest. Sie. sind eine Partei/ die das jüdische Proletariat in den Reihen der. internationalen Arbeiterklasse zum Kampfe , für. seine, soziale und nationale Befreiung organisiert,, ohne' die .jüdische.: Wirklichkeit ignorieren oder mit Redensarten beschwören zu wollen, sondern in Erkenntnis ihrer Eigenart tätig bestrebt ist, sie umzugestalten durch Erreichung des Maximums an kultureller und ökonomischer Regenerierung der jüdischen Massen in den Ländern der Massensieidlung durch reale Mitarbeit am Palästinaaufbau. Die praktische Palästinaarbeit wurde von den russischen Poale Zion, insbes. auch von Borochow, zum unterscheidenden Merkmal gegenüber den anderen Richtungen hervorgehoben. Es war das Verdienst Salomon Kaplansk'ys, des Führers der österreichischen Poale Zion vor dem Kriege, der Palästinaarbeit konkreten sozialen Inhalt zu geben dadurch, daß er unermüdlich die ländliche Kolonisation auf genossenschaftlicher Grundlage propagierte und dem zionistischen Bürgertum auf diesem Gebiete wesentliche Konzessionen abrang. Für diese Anschauungen suchten die Poale-Zion das jüdische Proletariat zu gewinnen, ihnen suchten sie Geltung im internationalen Proletariat zu verschaffen. Gewiß war die Entwicklung in den zwei Jahrzehnten keine gleichmäßige, widerspruchsvoll ist das Leben des jüdischen Volkes und von entgegengesetzten inneren Tendenzen beherrscht, getrieben und gepeitscht auch von den allgemeinen Geschehnissen. Heben wir nur einige Momente hervor. Nachdem die Revolution in Rußland niedergeworfen und wieder von finsterer Reaktion abgelöst war, War auch die jüdische Arbeiterbewegung lahmgelegt, insbesondere ihre geistige Schaffenskraft, die in den wenigen Jahren um die Mitte des ersten Jahrzehntes in geradezu üppiger Fruchtbarkeit die verschiedenen Ideen, Programme (und Richtungen hervorgebracht, erloschen und sie war nicht mehr wie bisher die Lehrmeisterin für die jüdischen Arbeiter der anderen Länder. Um so wirksamer entfaltete sich die Tätigkeit der Poale-Zion in den anderen Ländern. Die österreichischen Poale- Zion waren im rückständigen Galizien und in der Bukowina die Pioniere der jüdischen Demokratie, der gewerkschaftlichen Erweckung und Organisierung große*; Teile der jüdischen Arbeiter- und Angestelltenschaft, insbesondere aber der Kulturarbeit; sie vor allem arbeiteten bewußt und mit Begeisterung daran, das jüdische Volksideom zur lebendigen Sprache in Politik, Literatur und Erziehung, zur Sprache der nationalen Renaissance zu erheben. Es war insbesondere Berl Locker, der in all diesen politischen und Kulturaktionen eine führende Rolle hatte. Der Aufschwung in diesen Ländern ist ohne die Poale-Zion einfach undenkbar. In diesem Zusammenhange sei insbesondere erwähnt, daß die Wandlung der österreichischen Poale-Zion zu einer aktiven sozialistischen Partei zur Folge hatte, daß die jüdische Intelligenz, die scharenweise im Anbeginn zu uns gestoßen war, in kleinbürgerlicher Denkweise befangen, uns bald fluchtartig verließ, als der Bruch mit dem zionistischen Bürgertum wirksam werden sollte und wurde.

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