Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 13 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Def jüdische Arbeiter Mr. ta ktiltureHer Bindungen geht so weit, daß der Austritt' in einer Zeit zunimmt, wo der ReHgfcmswechsel nicht .die geringste praktische Hilfe gegen den Antisemitismus mehr bedeutet. Der Antisemitismus hat dem Begriff des Juden und des Judentums so auf die Abstammung uniformiert, der getaufte Jude ist ihm so sehr der noch gefährlichere Konkurrent, daß von dieser Seite kein Antrieb für die Austrtttsbewegung mehr besteht. Zudem ist der größte tTeil der gegenwartig Austretenden schon vom Standpunkt des Berufes zu irgendeiner statsbürgeiiichen Karriere gar nicht berufen. Es entfallen somit die Motive früherer Jahrzehnte fast zur Gänze, wenn auch immer wieder in einer Anzahl von Einzelfällen der Austritt ein! individuelles Geschick anzeigen mag. Die in die Austrittsbewegung neu eintretenden mittelständisichen! und Arbeiterschichten sind zum großen Teil solche, in denen die religiöse Bindung an die jüdische Gemeinschaft erloschen ist. In einem Zeitalter, das areligiöse Weltbilder formt, hat auch die historische Religion der Juden ihre Stellung in der jüdischen Gemeinschaft zu behaupten. Wie sie dies kann und tut, ist Sache des' religiösen Judentums und der von ihm berufenen religiösen Führer, die, soweit Zwangsmittel nicht in Betracht kommen, im jetzigen Staate wie auch nach dem Programm der Sozialdemokratie jedes Recht haben, ihre Anschauunigen zu verbreiten, die religiösen Menschen zu sammeln und die heranwachsende Generation zu erziehen.- Das Schicksal der jüdischen Religion ist daher den religiösen Juden ausschließlich anvertraut, bei ihnen aber auch am besten aufgehoben. Diesem Gedanken haben wir in unserem Kultusgemeindeprogramm Ausdruck gegeben mit dem Beisatz, daß nichtreligiöse Juden in die Angelegenheiten der religiösen nichts dreinzureden haben, vielmehr alle diese Angelegenheiten1 von den religiösen autonom verwaltet und entschieden werden sollen. Die historische Volksgemeinschaft der Juden ist aber heutzutage nicht mehr auss'dhließ'lich eine religiöse, sie ist eine kulturelle in dem Sinne, daß das Judenvolk der ganzen iW.elt neben und ohne die religiösen Bindungen durch tiefe 'Gemeinsamkeiten und Eigentümlichkeiten der Abstammung, Sitten, Sprache, lebendiger Volkskultur und einheitliches Streben zusammengehalten wird. Wohl ist der geistige Volksbesitz der Juden hr den verschiedenen Ländern verschieden, die politische Entwicklung unseres' Volkes aber drangt in allen Ländern zu einer einheitlichen Wertung des jüdischen Volkstums, wie auch zu einer einheitlichen Auffassung über die jüdische Kultur. Es entwickelt sich in allen Ländern ein weltliches Leben der jüdischen Gemeinschaft, in das auch die religiösen Schichten des jüdischen Volkes einbezogen werden. Im Volke sind daher religiöse, wie weltlich kulturelle Bindungen an das Judentum nebeneinander vorhanden. In allen Gemeinden arbeiten Juden aus sozialen und kulturellen Motiven für die sozialen und kulturellen Bedürfnisse des jüdischen Volkes. Die jüdische Gemeinde wird sonach zum Sammelpunkt des gesamten jüdischen Lebens.» Jüdische Wissenschaft, Kunstpflege, Volksbildung, Fürsorge, Wanderwesen' werden zum wichtigsten Tätigkeitsgebiet der Gemeinden, wobei die religiösen Juden auch weiterhin innerhalb der Gemeinde ihren Kultus lebendig erhalten konnten und die religiöse Erziehung ihrer Kinder bewerkstelligen konnten. Das ist die geschaffene Lage. Die jüdische Bevölkerung in Wien hat nur eine einzige Organisation', mit der sie als politische und kulturelle Einheit steht und fällt, die jüdische Gemeinde. Nur sie hat eine Möglichkeit, die Bedürfnisse der jüdischen Gemeinmeinschaft zu erfüllen, sie kann der gesamten Sonderexistenz des Judentums, seiner rechtlichen, sozialen und kulturellen Lage gerecht werden, wenn sie richtig geleitet wird. Ein Austritt aus der jüdischen Gemeinde ist somit die aktive Zerstörung jeglicher Möglichkeit, aus den Kräften des Austretenden die jüdische Gemeinschaft bilden zu können. Wer austritt, schneidet nicht nur den Faden zwischen sich und der Gemeinschaft ab, er schwächt unsere Gemeinschaft nicht nur zahlenmäßig; sondern er gefährdet sie vor allem in ihrer physischen Existenz, weil jede Gemeinschaft angewiesen ist, die ihr durch Natur und Geschick zubestimmten Individuen in sich zu vereinigen. Wer austritt, schädigt die Existenz aller Juden, vernichtet Möglichkeiten sozialer Milfe für Juden, zerstört kulturelle Werte des Judentums; verringert den geistigen jüdischen Volksbesitz. Für Sozialisten, die Juden sind, muß dies besonders klar sein. f Beschäftigen wir uns nun mit der gegenwartigen Situation in fyien. * t)ie Austrittsbewegung trifft hier auf ein geschwächtes jüdisches Volkstum. Weite Kreise der jüdischen Bevölkerung sind von Unwissenheit über die jüdische Gemeinde, ihre sozialen und kulturellem Institutionen erfüllt. Die Fernhaltung der Massen1 der Bevölkerung vom Wahlrecht in die Gemeinde, die sträfliche Vernachlässigung jeglicher jüdischer Volksbildungs- und Aufklärungsarbeit von Seite der iri der Gemeinde herrschenden Parteien hat eine Atmosphäre von Unwissenheit und Interesselosigkeit entstehen lassen, die alle lebendigen Zusammenhänge der jüdischen Gemeinschaft zerstört. Die hier einsetzende Agitation antireligiöser Verbände, wie die Freidenker, konnte Erfolge dort haben, wo jüdisches Leben bereits zerstört war. Wo in aller Weit konnten Vereine die historische . Gemeinschaft des jüdischen Volkes auflösen? Nur in unserem, durch Untätigkeit, verwahrloste jüdische Erziehung der Massen innerlich angekränkelten Wiener Judentum konnte die Vorstellung propagiert werden, daß der Austritt aus der jüdischen Gemeinde eine rein antireligiöse Sache sei. Nur hier können Propagandisten unser wichtigstes zerstören, ohne daß die jüdische Bevölkerung sich kräftigst zur Wehr setzt. Wo die bürgerlichen Parteien versagen, müssen wir jüdische Sozialisten die Fahne der Volksgemeinschaft erheben. Wir suchen nicht weltanschaulichem Auseinandersetzungen mit religiöseen oder antireligiösen Denkern, die Forderung, die wir erheben, ist die Forderung des jüdischen Lebens, sie richtet sich in gleicher Weise gegen solche Freidenker, die den Aus^ tritt aus der jüdischen Gemeinde propagieren, wie gegen diejenigen, die verhindern wollen, daß die jüdische Gemeinde den gesamten sozialen und kulturellen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung diene» unsere Forderung lautet an alle kurz und bündig: „Hände weg von der jüdischen Gemeinde!" Innerhalb unserer historischen Einheitsorganisationj in der jüdischen Gemeinde, wollen wir den religiösen wie den heute nicht weniger widerwärtjgcrt. antireligiösen Zwang bekämpfen, allen Juden Teü- Palästina-Rundschau. . An der Arbeitsfront. — Bio , jüdische Arbeiterschaft über den XV. Zimistenkohgreß. H; Fr.umkin veröffentlicht im, „Dawar" vom 3. November im Namen des von der Leitung" der Arbeiter- Organisation eingesetzten Arbeitsamtes eine Uebersicht über die gegenwärtige Arbeitslage im Lande und bezeichnet die Wege, die zu einer pixxluktiven Lösung der Arheitslosenfrage zu leiten imstande sind. Er führt u. a. aus-: In den Städten des Landes befinden sieb* heute 20.000 Arbeiter. Von' ihnen sindl 4200 Frauen, die keine Erwerbsarbeit tun. 9000 habenlHJgehnäßige, bestimmte Arbeit in der Industrie, in Handwerk, in Transport, inj Bureaus etc., 3100 sind bei off entliehen Arbeiten und Bauten beschäftigt; 450 sind in vorübergehenden Arbeiten 1 bis 2 Tage in der Woche beschäftigt und 3760 sind vollkommen arbeitslos; von ihnen leben 3200 in Tel Aviv allein. ' Von1 den 3100 Arbeitern, die in öffentlichen Arbeiten und im Bau beschäftigt sind, haben 550 Arbeit für ein ganzes Jahr. 1000 Arbeiter beenden Ende 1927 ihre Arbeit.- Im Laufe von Febnitor-Mänz 1928 werden weitere 1100 Arbeiter ihre Arbeit beenden und im April weitere 200. Der größte Teil! der Arbeiten, in denen diese beschäftigt sind, gehört au denjenigen, die in letzter Zeit zwecks Herabsetzung der Arbeitslosenunterstützung in Haifa,, Jerusalem und! Afulchi unternommen wurden. Wir steinen also vor der dreifachen Aufgabe: 1. dio Arbeitslosenunterstützung in Telaviv für 3200 Arbeiter durch' Einrichtung von Arbeiten abzulösen, 2. Beschäftigung der 550 völlig Arbeitslosen-in den anderen Städten, 3. Vorbereitung von Arbeiten für diejenigen, die heut|> beschäftigt sind und deren Arbeiten' im Laufe der nächsten Monate zu Ende gehen. Welches . sind nun die Arbeiten, die im Laufe des kommenden Jahres im Lande ohno Beteiligung der zionistischen Leitung ausgeführt werden? Pfund Sterl. Daa Gesundheitsamt in Telaviv 15.000 Häuser in der Kolonie Rabia durch dio PICA 10.000 Häuser im Nordviertel in Telaviv ^.OO^ Arbeiten der' Stadtvenraltungen Jerusalem und Haifa 15.000 Arbeiteu von Rutenberg am Jarkon und Regierungsarbeiten 150.000 Durch verschiedene Arbeitgeber im Lande 20.000 Insgesamt also Arbeiten im Betrage von 220.000 Wenn wir annehmen, daß ein Arbeiter nichts weniger als ' 4 Pfund Sterling im Monat verdienen soll und wenn wir van diesen Arbeiten die reinen Arbeitslöhne in Betracht ziehen, so würden all diese Arbeiten — wenn sie alle wirklich' durchgeführt werden — nur 60 Prozent der Arbeitslosen beschäftigen' und wir .würden immer noch vor der Notwendigkeit der Schaffung von Arbeiten im Gesamtbeträge „von weiteren ungefähr 150.000 Pfund Sterling stehen. Nun hatten wir selten so sehr die Möglichkeit der Lösung der Arbeitslosenfrage durch' zweifellos pnodüktive Arbeiten wie in diesem Jahre. Den Plänen der Kolonisation&r Abteilung entsprechend hat die zionistische Leitung in den landwirtschaftlichen Siedlungen Bau- und Bewässerungs;- arbeiten im Gesamtbetrage von 250.000 Pfund Sterling! auszuführen, die sie auf jeden Fall im Laufe der nächsten Jahre ausführen wird, weil ohne sie an eine Basierung der Wirtschaften nicht gedacht wexxlen kann. Unser Vorschlag] lautet nun dahin, daß von diesen Arbeiten, die voraussichtlich im Laufe von drei Jahren auszuführen sind1, noch im 'Laufe dieses Jahres" Arbeiten für einen Betrag -von 150.000 Pfund Sterling auszuführen, was das Arbeitslosenproblem für ein ganzes Jahr lösen würde. Doch können wir uns damit nicht begnügen. Eine zeitweilige Lösung des Problemes bedeutet noch keine endgültige Lösung. Ohlne die Schaffung eines kolonisatorischen Anhaltes für Hunderte von Arbeitern, die in den Herzen der übrigen neue Hoffnung entfachen . würde, werden wir die Wunden nicht heilen können, die uns die um sich greifende Verzweiflung im Lande geschlagen hat. Das Arbeitsamt betrachtet daher als die dringendste Aufgabe die Ansiedlung von 500 Arbeiterfamilien in der Umgebung der Kolonien. Die trockenen Ziffern zeugen davn, daß wir eigentlich nicht ein Problem der Arbeitslosigkeit vor uns haben, sondern vielmehr das Problem der Unterbrechung der kolonisatorischen Tätigkeit des Koren Hajessod, bei deren Fortführung wir diese Zeiten der Bedrängnis, die seit zwei Jahren nns und die zionistische, Bewegung verzehren, leicht überwinden könnten. Die Frage, was bei Beendigung auch dieser Arbeiten zu tun sei, ist dahin zu beantworten, daß wir zweifellos mit der Entwicklung des Landes im Jahre 1929 eine von Grund auf andere Arbeitslage vor uns haben werden. Die Hafen- Arbeiten, die voraussichtlich schon'Ende 1928 beginnen werden, werden einige Tausende von Arbeitern beschäftigen. Die Vorbereitung der Gidro-Böden und die Boreitstellung der Bodenflächen für die Arbeiter^Gartenstadt-Siedlung bei Telaviv wird die Ueberführungi von einigen hundert Arbeiterfamilien ermöglichen, di« damit an einer kleinen Bodtfnfläche einen gesünderem Anhalt für ihr© Existenz gefunden haben werden. Die Ameliorations-Arbeiten aaf den neu gekauften Keren-Kajemeth'-Böden werden in Angriff /m nehmen sein, femer werden die Fortführung und) dar Ausbau des Rutenberg-Projektes und1 die Ansiedlüng von 600 Arbeiterfamilien um die Kolonien in intensiven kleinea Wirtschaften «u einer gründlichen Lösung des Problemear fahren- Die Dui-ch'führung! unseres Vorschlages ist mit der besonderen Aktion verknüpft, die der Kongreß beschlossen hat und deren Dux-chführung Dr. Weizmann besprochen hat. Doch1 wollen wir die Wahrheit sagen: Die Arbeiterschaft hat kein Vertrauen zu den in der 'zionistischen Organisation heute wirkenden leitenden Kräften. Sie hat das) Gefühl, daß. der trügerische Gedanke einer Konsolidierung die Aktion zur Rettung unserer Lage im Keime erstickea würde. Wir heute an der Front sind' allein geblieben und wir können nicht ruhig bleiben. ,s m Die Lage fordert von uns außerordentliche Maßm&men. Die Arbeiterschaft hat eine Reihe ihrer aktivsten Kraft» ins Ausland zu entsenden, um den: Sturm zu entfachen, den unserer Lage entspricht, um die Erstarrung äu losem, in die die neue Ideolgie der Konsolidierung" .die zionisiisotteJ Bewegung geführt hat. Die Mittel, die notwendig sind, um die Lage zra aretten, übersteigen in koiner Weise die Kräfte der zioaieli»ohen Bewegung, wenn in ihr nur die Uoberzeugung von der- •Notwendigkeit und die Kräfte geweckt werden. III. In Fortsetzung der Besprechung des Ilesulta*«* des XV. Zionistenkongresses führt der „Dawar" im drittm und vierten Aufsatz aus: Die Resultate des Basler Kongresses bedeuten eine schwere Niederlage für die gesamte zionistische Beiregung, für die Arbeiterschaft nicht weniger wie für dio Opposition, für den „Misraclri" nicht weniger als für das . „Linke Zentrum", dessen Programm, über das so viel' Tinte vergossen wurde, zum Spott wurde. Es gab anscheiaetad auf dem Kongroß eine Kraft, die nicht gebrochen werden konnte, eine Kraft, der sich alle und alles unterordneten. Diese Kraft war Amerika, das heißt 50 Prozent der Einnalimen des Keren Hajessod. Diese Erscheirrang der Unterweisung'vor der Macht dos Kapitals, die ganz Europa ergriffen hat, hat nunmehr auch auf dio zionistische Bewegung übergegriffen. Doch ist der Vergleich nur ein äußerlicher. Bei uns handelt es sich nicht um privates Kapital, das nach günstigen Anlagemöglichkeiten1 und Gewinnen sucht. Wir sahen nicht den großen Kapitalisten1, der auf dem Baseler Kongreß auf Grund seines Kapitales geforeferfc hätte; Handelt nach! meiiiem WiUdn,