Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 13 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'\ tf**£> Vi Orb* UiT««itlta*i*Uotl»x X« ümiTOXBitüt Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich ><*k*c Redaktion und Administration.^ Wien, II., :'; Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 13. Wien, 9. Dezember 1927. 4. Jahrgang. Unerhörte Provokation. Die „Union" lehnt die Erweiterung' des Wahlrechtes ab.. — Sie lehnt auch eine Debatte über den Bericht ides Präsidiums ab. — Demokratie für die andern, daheim die Reaktion. — Die Spekulation' auf die Gleichgültigkeit der jüdischen Bevölkerung. — Die zionistischen Seheindemokraten. — Die geheuchelte Entrüstung über die Austrittsbewegung. — ,Wer ist für die Austritte verantwortlich? — Säuberung des jüdischen Wien von den reaktionären Ueberresten. - An einer anderen Stelle unseres Blattes wird darüber berichtet, daß in einer öffentlichen Sitzung des ' Kultiisvorstandes mit 17 gegen 15 Stimmen die Eröffnung einer Debatte über den Bericht des Präsidiums, der eine Ablehnung des Antrages auf Erweiterung des Wahlrechtes enthält, abgelehnt wurde. Diese rücksichtslose Drosselung einer Aussprache über einen Bericht in einer solchen wichtigen Frage wäre heutzutage in keiner zweiten parlamentarischen Körperschaft möglich. Die Geschäftsordnung und der politische Anstand würden das überall unmöglich machen. Die Allgewaltigen der Kultusg.eemeincle aber erlauben sich noch in der demokratischen Republik solcher Mätzchen im Kampfe gegen die Demokratie zu bedienen. Dieselben Herren, die sonst ins demo- Icr-atis-che Horn blasen, die den Grundstock der Demokraten (sie schauen allerdings auch darnach aus!) in Wien bilden, betätigen sich in der Kultusgemeinde im erzreaktionären Sinne. In der allgemeinen Politik in Wien kann man mit der reaktionären Gesinnung nichts ausrichten, macht man: halt in Demokratie, im eigenen1 Hause aber, in der jüdischen Gemeinde, wo es gilt, eroberte Positionen festzuhalten, die jüdischen Massen von . der Mitverwaltung in der Gemeinde auszuschalten, zeigt man unverhüllt die reaktionäre Fratze. Man spekuliert eben darauf, daß die indolente jüdische Bevölkerung diese Demütigung ruhig, ohne jeden Widerspruch' hinnehmen wird. Ist wir kl ie h ,j ed es Gefühl der Würde, d e r 'S e 1 b s t ach t u n g u n t e r d e n J u den Wiens ausgelöseh t? , Wir. können und wollen daran nicht glauben. Abel' viel gefährlicher^ und unangenehmer als diese, unverhülltem Reaktionäre, sind uns die unaufrichtigen Zionisten, die Scheindemokraten unter Führung der Herren Stricker ilnd Plaschkes. Die Zio-, nisten sind für die Verschlechterung des Wahlrechtes, die vor 3 Jahren aus Ämglst vor dem Auftreten unserer Genossen herbeigeführt wurde, mitverantwortlich. Sie haben dieser verwerflichen Rückentwicklung zumindesf zugestimmt. Während der letzten Wahlbewegung, die sie gemeinsam mit der „Uniion" führten, traten ihre führenden Männer gegen das allgemeine Wahlrecht auf. Von unseren Genossen in der Kultusstube hart bedrängt, brachten sie einen Vorschlag auf Erweiterung des Wahlrechtes ein'. Als1 aber in der erwähnten Plenarsitzung ihr Vorschlag in der unerhört provokatorischen Weise abgelehnt wurde, gaben unsere Genossen! in empörten Zurufen ihren Protest •gegen diese Behandlung des zionistischen Vorschlages kund, während die Zionisten selbst in Totenstille .verharrten. Sie waren ganz einfach froh, daß ihnen die Herren der „Union" aus dieser Verlegenheit herausgeholfen haben. Die Herren Zionisten werden uns nicht weißmachen, daß sie es mit der Demokratisierung der Kültusgemeinde ernst meinen. Wir kennen die Herren Striekel' und Plaschkes als Gegner des allgemeinen .Wählrechtes und so lange diese Herren Sprecher der Zionisten! sein werden, können wir ihre demokratische Gesinnung nicht ernst nehmen. Dem Präsidium, das die volle Verantwortung für den reaktionärem Kurs trägt, gehört. auch ihr Vertreter, Herr Dr. Löwenherz, an, sie sind also für alle'ls,. was die Kultusgemeinde macht, verantwortlich. Wenn es sich den Zionisten wirklich um die Demokratisierung des jüdischen Lebens handeln würde, wenn sie ihren eigenen Antrag auf Erweiterung des Wahlrechtes ernst nähmen, dürfte ihr Vertreter nicht einen Tag länger iim Präsidium bleiben.' Das Verhalten der Zionistejn in der Kultusgemeinde ist Heuchelei. Als niedrige Heuchelei müssen wir es auch bezeichnen, wenn jene Herren sich über die Austrittsbewegung 'entrüsten. Unionisten und Zionisten' arbeiten systematisch darauf hin, die breiten jüdischen Massen von der Gemeinde fernzuhalten und dann tun1 sie entrüstet, wenn Juden der Kultusgemeinde den Rücken kehren und entblöden, sich nicht, diee Schult! den — Sozialdemokraten zuzuschreiben. Die Leitung der Kultusgemeinde, die aus Unionis'Ten und Zionisten besteht, trägt einzig und allein die Verantwortung für die Austritts^bewegung aus der Kültusgemeinde. Was tun', um aus dieser Situation einen Ausweg zu finden? Wir müssen die jüdischen Massen aufrufen, sie üben* die Bedeutung der Kultusgemein'de und über die Politik der unionistisdh-zionistiischen Leitung aufklären. Wir müssen die Wiener Juden aus dem lethargischen Schlafe aufrütteln. In banger Angst um ihre Positionen in der Kultusstube schleudern die Unionisten im Mischeberäch- Blatt „Die Wahrheit" und die Stricker-Zionisten in ihrer „Neuen Welt" Pfeile der Verleumdung und Verdächtigung gegen unsere Genossien. Sie fürchten die Abrechnung. Nun ist es an uns, die jüdische Bevölkerung aufzurufen, daß sie den Kampf gegen die Reaktion im eigenen Lager aufnehme, daß sie diese Schande des jüdischen Wien mit Stumpf und Stiel ausrotte. Diese reaktionäre Gjesellschan bildet einen , Anachronismus im heutigen roten Wien, sie mtui deshalb verschwinden. Die Säuberung des jüdischen Wien von den reaktionären Ueberresten soll unsere Ehrenaufgabe werden. flHHB£DflEflB5&RH9GflB9Bfl!B2BER^^BBB686!RHE^ Samstag, den 7. Jänner 1928, um halb 8 Uhr abends, im „Altem Rathaus", I., Wipplingerstraße fentlidie Versammlung Tagesordnung: bedeutet für uns die Kültusgemeinde? Referenten: Kultusvorsteher Dr. Glanz, Men- Singer, Dr. S. Sokal. In dieser Versammlung soll zur Austrittsbewegung aus der Kultusgemeinde Stellung genommen und rdas Treibern der unionistisich-zionistischen Koalition in der Kultusstufe geslchildert wenden. Erseheinet zahlreich! Sichert einen). Massenbesuch! del | H. DL Nomberg. | Knapp vor 'Redaktionsschluß erhielten wir aus Warschau die traurige Nachricht, daß Hersel! Duwid Nomberg gestorben ist. Mit Nürnberg* scheidet aus unserer Mitte eine der interessantesten Persönlichkeiten unter den jüdischen Schriftstellern. Die jüdische Arbeiterschaft wird nie an Nombeaig vergessen. Wir werden die Bedeutung des Verstorbenen für die jiddische Literatur und für die.jüdische Arbeiterschaft noch zu würdigem versuchen. Unser Kampf gegen die Austrittsbeiwegung. Die jetzige Austrittsbewegung aus der Wiener Kultusgemeinde hat ein Neues aufzuweisen: Ihr Antrieb geht mehr von den Schichten aus, die nicht durch' Reichtum und bürgerliche Stellung hierzu prädestiniert sind. In der bisherigen Austrittsbewegung konnte die Taufe im wesentlichem als der Abfall der obersten Sldhichte des jüdischen Volkes bezeichnet werden. - Dies zwingt uns, auf die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Wiens' einzugehen und die Motive der Austritts'bewegfung sozial und kulturell bloßzulegen. Teile derjüdischen Bevölkerung haben in der. historisch gewordenem Gemeinschaf t der "Juden keinen' Halt mehr. Die Lockerung religiöser und volklich Jüdisch-sozlalist. Arbeiterorganisation „Poale Zion" Sekretariat: Wien, IL, Verband der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend Blumauergasse 1. ' Anläßlieh des 10. Todestages unseres Führers BEH BOROCHOW veranstalten wir am Sonntag, den 18. Dezember 1927, um halb 8 Uhr abends im großen Saale der Olympiasäle, L, Rolgasse 5, einem bend PROGRAMM: . 1. O gyter Frajnt . . . Chor der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend unter Leitung: Max Honig. 2. Borochow, der Begründer des Poalezionismus: M. Singer.. 3. Aus d e r revolutionären j ü d iso he n L ir teratur: M. Fischer. 4. Moderne jüdische Musik: Konzertmeister Fleischer. 5. Borochow, der Schöpfer der Bewegung der „Poale Zion": Dr. S. Sokal. 6. Aus der deutschen revolutionären Literatur: Franz Buchwald. 7. W as wil Idas Proletariat?: Chor der jüdischsozialistischen Arbeiterjugend. Strengstes Rauchverbot! Karten sind bei den Vertrauensmännern beider Organisationen und im Sekretariate, Wien, IL, Blumauiergasse 1 zu haben. i f y\\ ^^^ISSSSSS/mSmmi!^^