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Der Jüdische Arbeiter · 1927-11-09 · Heft 12 (9.11.1927) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 12 (9.11.1927)
Date
1927-11-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter Nr. 12. Freitag, den IL November, um halb" 8 Uhr abends im Cafe „Neptun", XX^ Oaußplatz 7, Oeffentliche Versammlung Tagesordnung: 1, Politische Betrachtungen anläßlich der Repu* blikfeier: Dr. S. Sokal. 2. Unser Kampf im jüdischen .Wien: Mendel Singer. Erscheinet zahlreich! reichten und1 wir ihr deutlich zu fühlen gaben, daß sie die Exekutive einer Minderheit ist und daß feie sich als solche betrachten soll. •Mit unserer Stimmenenthaltung und unserem Mißtrauensvotum ist diese Angelegenheit noch nicht abgeschlossen. Der Kampf soll jetzt erst beginnen. In den nächsten zwei Jahren müssen wir nicht nur ttnsere eigenem Reihen strammer organisieren, in unsere Reihen neue Heere von< Arbeiter und Jugend sammeln. ,Wir haben noch1 mehr zu leisten: wir müssen zur Offensive auf der^gesamten zionistischen Front übergehen. Der historische Kampf zwischen dem einzigen realem — dem arbeitenden — Palästina und dem bösen Traum eines Palästina des Profits und der „Luftexistenzen" tritt in ein entscheidendes Stadium. Mit dem Banner unserer Wahrheit, der Wahrheit freier, schaffender Arbeit werden wir uns in einen neuen Kampf um die Hirne und Herzen stürzen. Unter unserem Banner wollen wir die Arbeiterklasse und die Jugend, der der Gedanke der Arbeit heilig ist, sammeln; wir wollen die große Peripherie der nicht differenzierten jüdischen Massen erfassen. Den Kampf um die Hegemonie im Zionismus zu eröffnen, ist unsere Aufgabe für die kommenden' zwei Jahre. .Werden wir uns diesem Kampf gewachsen zeigen, dann wird die bürgerliche Exekutive in der Geschichte des Zionismus als nicht schöne Episode in Erinnerung! bleiben. 10 Jahre Sowjetrußland. Wie immer man über die Möglichkeit der1 Verwirklichung cles Sozialismus unter dem Sowjetregime denkt, bestritten kann Inicht werden;, daß die Tatsache des zehnjährigen Bestandes Sowjetrußlahds' von großer historischer Bedeutung für die Entwicklung des Sozialismus ist. Die positive, konstruktive Arbeit, da© in Rußland1 geleistet wird, wird viele falsche kommunistisch© Dogmen überleben und wird für die schöpferische Kraft des Proletariats zeugen. Das Bürgertum hat bis zum Kriegsausbruch das Regieren für sein Monopol betrachtet. Die Proleteln können Schieiben einschlagen, plündern, streiken, aber regieren, aufbauen, das verstehen nur . die Privilegierte/n. Seit dem Kriege hat man' dem Bürgertum' einen völlig a'nderen Anschauungsunterricht geliefert. TJebera.il regen sich die Kräfte des Proletariates zu konstruktiver Tat. Und voran marschiert Sowjetrußland» Wir können auch in Tagen der Feier nicht verwinden, daß die Kommunisten die Diktatur des Proletariats zu einer .Diktatur über das Proletariat verzerrt haben, daß sie Spaltung und Demoralisierung in das Weltproletariat trugen, aber das sind |nterne proletarische Fragen, die nur mit den friedlichen Mitteln des Geistes gelöst werden können. Wir sind auch überzeugt, daß, trotz der zwei feilosen Ers folge .Sowjetrußlands, die Zeit, die malen Tatsachen für uns wirken. Aber der bürgerlichen Wcltreaktion, dem Imperialismus gegenüber müssen wir die Losung hochhalten: Hände weg von S o w je tr uß la ndl Denn was das Bürgertum erstrebt ist nicht Demokratie statt Diktatur, sondern die Diktatur der Reaktion, des Fascismus. Jeder Erfolg, dem die Reaktion über Sowijetrußlaud erringen würde, wäre ein Schlag gegen das Weltproletariat und eine Erstarkung des Fascismus in allen Teilen der Welt. Wir dürfen deshalb nicht vergessen, daß Sowjetrußland eine Machtposition des Weltproletariats be-, deutet und wir verpflichtet sind, sie gegen alle äußeren Feinde, die sie durch Gewalt zerstören wollen, zu schützen. Wir freuen uns mit dem Weltproletariat über dieses wichtige proletarische Jubiläum. Der Österreichische Parteitag. Der österreichische Parteitag! bot einl herrliches1 Bild der politischen Reife des österreichischen Proletariats. Das bewundernswerte Niveau der Beratungen, das hohe Verantwortungsgefühl, das alle Teilnehmer beherrschte, ist ein' neuerlicher Beweis, welche Macht dieser herrlichen' proletarischen Armee innewohnt. Wenn wir auch nicht der Meinung sind, daß die Beratungen; greifbare praktische Aiiswirkungen im Oesterreich Seipels haben' können, muß aber zugegeben werden, daß diese Auseinandersetzung über die Rolle des Proletariats im Staate die Entwicklung der Partei befruchten wird. Grundsätzlich sind wir der Meinung, daß Renner seine Einstellung nur aus einer momentan komplizierten politi*- sehen Situation ableitet, daß er den Staat bloß als mechanischen Verwaltungsapparat sieht, während Bauer den Staat als ein Produkt der sozialen Kräfte innerhalb des eigenen Landes und in der Welt überliaupt betrachtet. Wenn das Bürgertum in Oesterreich1 Verständnis für geistige Größe hätte, müßte es die größten! Anstrengungen machen, um die politische Kraft dieses Proletariates für den Staat zui gewinnen. Aber was bedeutet geistige Größe einer geschlossenen Masse der Regierung der Jesuiten und Fascisten? Nuchim Sokolow bei Mussolini. Herr Sokolow, der reisende .Politiker der Zionistischen Weltorganisation, scheint wirklich der Meinung zu sein1, daß er der zionistischen' Idee einen' guten Dienst leistet, wenn er sie mit allen reaktionären Machthabem der Welt in Verbindung bringt. Er hat esi vor einigen Jahren für vereinbar mit der Würde eines jüdischen Führers gefunden, mit den Henkern' auf und! um den Königsthron Rumäniens zu konferieren und ihre Sympathie für den Zionismus als Erfolg auszuposaunen. Er hat jetzt zum dem Zeichen scharfer Klassengegensätze innerhalb des Zionismus und in Palästina, sondern auch unter der Psychose des Starrsinnes der Vertreter Amerikas, daß die Zusammensetzung der Palästinaexekutive gründe lieh geändert werden muß, da sie sonst keine Verantwortung für die Einnahmen des Keren Hajessod in Amerika übernehmen können. Jede .Exekutive, die 'gegen den Willen der Amerikaner zustandegekommen wäre, müßte, wenn nicht mit der finanziellen Sabotage, so zumindest mit einer passiven Ressistenz der Führer des amerikanischen Zionismus rechnen. So gestaltete sich die Situation. Eine Exekutive aus den Gruppen der Opposition war nicht möglich :und wir standen vor dem Dilemma: stimmen wir konsequent gegen die' neue Exekutive, hätte es zur Folge, entweder die Kapitulation des Zentrums vor den Forderungen des „Misrachi", oder die Schließung des Kongresses ohne .Wahl einer neuen Exekutive. In beiden Fällen hätte sieh die ökonomische Krise in Palästina und die ideologische Krise des Zionismus in eine akute Krise der zionistischen Organisation verwandelt, mit einer katastrophalen Auswirkung, auf die Fonds, auf das ohnedies minimale Palästinabudget. Die bereits so schwere La^e in Palästina würde eine weitere Verschlechterung! erfahren. Es gab eine zweite Möglichkeit: wir ziehen die Konsequenzen aus der tatsächlichen Situation, geben der Zentrum-Minderheit die Möglichkeit, eine Exekutive zu bilden, eine schlechte/ gegnerische Exekutive, wir schützen aber unsere wichtigsten Positionen vor der Oefahr eines Angriffes, erklären dieser Exekutive unsere schärfste Opposition und rüsten sofort zum entscheidenden Kampf — bis und für den nächsten Kongreß. •Wir — d. h. die Mehrheit der Fraktion, da die Minderheit, die unter dem Eindrucke des 'Kampfes um den „Ner" sogar 13 Mitglieder zählte, dagegen war — wählten den zweiten .Weg. Wir haben unsere Bedingungen formuliert: Anerkennung der „Histadruth", Anerkennung des Prinzips der organisierten Arbeit, lgleiche> Behandlung aller bisherigen Formen der Kolonisation in; der Periode der Konsolidierung, keinen Einspruch der Exekutive 'gegen den Beschluß' des [Kongresses bezüglich einer minimalen Einwanderung von Chaluzim im nächsten Jahre, eine außerordentliche Geldaktion für die Verringerung der Arbeitskrise. Alle Forderungen sind angenommen worden. Sie sind' entweder in den Erklärungten der Exekutive, oder in den Beschlüssen des Kongresses1 enthalten. Im letzten Momente erreichten wir auch, daß der Antrag!, den „Nir" als Vertragspartner auszuschließen, der zweiten Les'ung nicht zugeführt werden soll. Unter diesen Bedingungen enthielten wir uns der Stimmen. Wir gestatteten der Exekutive, sich zu bilden, nachdem wir wichtige Zugeständnisse er- Palästina-Rundschau. Die jüdische Arbeitersch'aftl über den) Zionistenkongreß. — Arbeit und Arbeitslosenunterstützung. — Arabische Arbeiter organisieret sich. — Die Wahrheit über „Tel-Jossef". In einer Serie von 5 Aj^ikelih .untersucht Da-. M. Bei- I'insoln im Dawar die Resultate; des Baseler? Kongresses nind die neu geschaffene Lage. I. In einem ersten Aufsatz, betitelt „Die fremde! Leitung" fuhrt der Verfasser aus, daß zum erstenmal» die Zionistische Leitung in Palästina als „parteiliche" Leitung anzusehen ist. An die Stelle der bisherigen Koalition! ist diesmal eine Leitung getreten, die gam; und gar Partei ist, gestützt auf ganz bestimmte Interessengruppen einer Richtung. Diese Richtung ist innerhalb der zionistischen Welt auf keinerlei Bewegung! gestützt. Alles, was lebendige Bewegung im Zionismus ist, blieb gerade ohne Vertretung in der zionistischen Leitung. Ebenso wie innerhalb der Bewegung, blieb diese neue Leitung auch innerhalb des Kongresses othhe wirkliche Stütze und wurde durch eine winzige Stimmenmetoheit gewählt, die zum Teil auf die Anerkennung einer Anzahl amerikanischer Delegierter, die ohne ordnungsgemaßte Wahlen zum Kongresse entsandt wurden, zurück- OTiführen) ist. Die gesamte zionistische Presse segelte vor dem Kongreß unter der Losung einer „Fachmäinner-Leifeung". Hinter iKeser Losung verbarg sich der Wunsch', die Vertretet der Arbeiterschaft und des Misrachi aus der Leitung zu entfernen. Diese Losuing wurde w&Mrenid! d'eB Kongresses vollkommen1 vergessen. Denn die neue Leitung ist doch1 der Aüsdtuck der Nidht-FaeMilolikeit: Frl. Szold jzeichnete sich! cturoh die Organisation' der zionistischen Frauen Amerikas für die „Hadassa"-Arbeit aus. Seit wann jedoch1 wurde sie zu einer theoretischen oder praktischen Sachverständigen für Hygiene und Medizin oder für hebräische Kultur? Herr Sacher — gilt! als ein guter Rechtsanwalt in Eröz Israel; doch seit wanin ist er ein ."Fachmann für Kolonisation und Arbeit? Auch an den politischen Talenten des Herrn Kiscli erlauben wir uns zu zweifeln nach allem, was wir in den letzten Jahren politisch im Lande erlebten: Die Gendarmerie, die Einbürgerung, die Einwanderung, die Klagemauer, die Staatsländereien, die Beziehung, zur hebräischen Sprache, Steuern Und Zölle, die geringe Anteilnahme der Regierung an der Lösung der Arbeitslosenfrage usw. Vielleicht aber sind die Menschen der neuen Leitung Menschen der Bewegung? Doch' gerade hier liegt die 'unverzeihliche Tat des 15. Kongresses. In schweier Stunde kann man sichl mit manchem.' abfinden, doch keinesfalls mit einer Entstellung und Fälschung des Inhaltes der Bewegung und ihres Wesens: Diese Bewegung ist} eine nationale Befreiungsbewegung, eine revolutionäre jüdische Bewegung. Sie ist weder eine philantropische, noch' eine Kolonisations- Gesellschäft, noch ist sie ein Staat. Wer au der Spitze dieser Bewegung steht, ist nicht Ingenieur oder Rechtsanwalt oder Agnonom, ist Führer der revolutionären Bewegung, Führer des1 Volkes, das in seine Heimat zurückkehrt. In dieser Fremdheit der neuen Leitung gegenüber der Bewegung und dem jüdischen; Volke liegt auch! eine politische Gefahr. Eine anglisierte zionistische Leitung mag der ^Times" und der Mandatsregierung genehm und bequem1 sein,- doch ist sie nicht das wahre Gesicht des Volkes und der Bewegung. Der englische Golonel und1 der englische Rechtsranwalt sollen die Vertreter des jüdischen' Volkes! von Arbeitern, Handwerkern utaki kleinen Kaufleuten1 sein? Darin liegt eine Fälschung, die sich auch .in der Politik" rächen muß. II. In einem zweiten1 Aufsatz, betitel/t: „Ohne Plan und ohne Losung" führt Dr. Belli nsou weiter aus: Der Kongreß in Basel sprach kein Wort über einen' Plan oder über die wahren Probleme unserer Arbeit. Wohl konnten die Referate von Ussischkiu über den Keren Kajemetb! und von Dr. Hantke über den Keren Hajessod den Ausgangspunkt zu einer fruchtbaren Diskussion bilden über die Fonds, die doch das Rückgrat unserer Arbeit sind. Doch der Kongreß zog es vor, die belanglosesten Bemerkungen von Grünbaum, Jabotinski bder von Wise und Weizmamn in unendlichen Variationen zu wiederholen und durchzukauen und fand1 es nicht für nötig, über ein gründliches, alle ernsten Probleme unserer Arbeit behandelndes Referat von Dr. Ruppin auch nur ein Wort zu verlieren. Herr Sacher stellte für seinen Eintritt in die Exekutive Bedingungen; doch Bedingungen sind kein Programm. Zwischen diesen seinen Bedingungen und den Aufsätzen der führenden Männer des „Linken' Zentrums" ist nichts gemeinsames. Die beiden ersten Bedingungen, die die Jerusalemer Leitung vollkommen selbständig funid von London iinabhängig macht und ihr das' volle Kontrollrecht über das Budget einräumt, geben dieser Jerusalemer Leitung mehr Kompetenzen, als sie der Kongreß oder das Aktionskomitee besitzen. Herr Sacher stellte ferner die Bedingung einer kleinen und homogenen Exekutive, der Befreiung der Banken von der Vormundschaft der zionistischen Leitung und der obersten Kontrolle der zionistischen Leitung über die Fonds. Damit endet das1 Programm. Hier liegen, für ihn' alle Heilmittel gegen Krisis und' Arbeitslosigkeit, alle Aussichten' für Ansiedlung und Alijah! usw. Mehr hatten er der Bewegu'ng> dem Kongreß, dem Lande, nicht zu sagein.

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