Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 12 (9.11.1927)
- Date
- 1927-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I ' BtfM«ltitldliKl «f^ttt V. b. b. V ** JUDISCHE Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administtatioti: Wien, II., Bittmauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteHährig. S 1.20 halbjährig . . „2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 12. Wien, 9. November 1927. 4. Jahrgang. Heraus mit dem allgemeinen Wahlrecht in die Wiener Kultusgemeinde. Die unerträgliche Schande, daß die Vertretung; der Juden Wiens die einzige öffentlich-rechtliche Institution ist, an welcher das reaktionäre .Wahlrecht herrscht, dauert noch immer fort. Diese Tatsache ist das* beschämendste für die Judenh'eit dieser Stadt. Sie offenbart aber für uns den reaktionären Charakter der Herren — Unionleute und bürgerliche Zionisten — die die jüdische Gemeinde verwalten. tWie argumentieren denn jene Herren ihre Ablehnung' des allgemeinen .Wahlrechtes? Sie meinen: es steht jedem Juden frei, durch eine Steuerleistung von 60 Groschen das Wahlrecht zu erwerben. Abgesehen davon, daß man erst nach' einer dreijährigen Steuerleistung das tWählrecht erwirbt, ist diese Argumentation auch g r u n d s ä t z 1 i c h f a 1 s' c h. Der Kuitusgemeinde obliegt es, die Juden zur Steuerleistung heranzuziehen. Wenn sie aber unfähig ist, dieser Pflicht nachzukommen, ist sie aber keinesfalls berechtigt deshalb der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung das Mitbestimmungsrecht in der jüdischen Gemeinde zu verweigern. Aber dieses Argument von der Steuerleistung ist .natürlich eine leere Ausrede. Wenn das ernst gemeint wäre, könnten ja die Herren folgenden Ausweg finden: sie räumen allen Juden, die sich in die ^Wählerliste eintragen, das' »Wahlrecht ein und ziehen die in der Wählerliste Eingetragenen zur Steuerleistung heran. Dieses Recht' steht ihnen ja zu. Oder, sie könnten auf den Vorschlag, den die Vertreter der Vereinigung der „Werktätigen Juden" unterbreitei haben, eingehen: jeder Jude soll' durch die Eintragung indie Wählerliste das Wahlrecht erhalten, wenn er gleichzeitig die minimale Steuer abführt. Das hätte zur Folge, daß man tausende Juden, die bis jetzt abseits gestanden, für die Kultusgemeinde gewinnen würde. Auch die Zahl der Besteuerten und die Summe der Steuereingänge würden dadurch erheblich zunehmen. Aber gerade das wollen ja die Herren verhüten!. Ihnen ist vor dem Eindringen der Masse der jüdischen Bevölkerung in die düsteren Räume in der Seitenstettengasse sehr bange. Die Herren, die heute die Kultusgemeinde leiten, sind sich darüber klar, daß sie nur solange am Ruder bleiben können, als die breiten Massen der jüdischen Bevölkerung von dieser Institution ferngehalten werden. Das gilt auch ohne jede Einschränkung von den bürgerlichen Zionisten. Diese Partei ist vor einem viertel Jahrhundert unter der Parole: „Erobert die Kultusgemeinden!" an die jüdischen Massen 'herangetreten, aber das jüdischnationale Bürgertum hat, getreu dem Vorbilde seiner Klassengenossen anderer Nationen, diese demokratischen Losungen seiner schwärmerischen Jugendzeit längst aufgegeben. Sie haben gemeinsam mit ihren assimilatorischen Klassengenossen den .Wahlkämpf geführt und gemeinsam mit ihnen verwalten sie die Kultusgemeinde. Sie können ihre Mitverantwortung für das reaktionäre Regime der Kul tu sge mein de nicht abstreiten. . iWenn auch die bürgerlichen Zionisten, unter dem Drucke unserer Genossen in der Kultusgemeinde, einen Antrag für die Erweiterung des Wahlrechtes (wohlgemerkt: nicht für die Einführung, des allgemeinen .Wahlrechtes!) einbrachten, darf man das' nicht allzu ernst nehmen. Das Ist eines jener bekannten Manöver, um den Wählern gegenüber demo- Hufmarsdt am 12. November. Die Genossen der Poale Zion versammeln sich zum gemeinsamen Aufmarsch mit der Bezirksgruppe Leopoldstadt um dreiviertel 9 Uhr. vor dem Arbeiterheim in 'der Blumauergasse. kratische Unschuld vorspiegeln zu können und um der Mehrhleitspartei eine kleine Konzession zu erpressen. Wird ja bereits seit Wochen von der Be: Setzung von Sekretärposten! gemunkelt . . . Wir dürfen nicht vergessen, daß dieselben bürgerlichen Zionisten an der Einführung des' dreijährigen Zensus, also an der Verschlechterung des Wahlrechtes mitschuldig sind, daß sie im Wahlkampfe yor drei Jahren, SChlulter an Schulter mit den Unionleuten, in allen Wahlversammlungen gegen* unsere Forderung für die Einführung des allgemeinen .Wahlrechtes aufgetreten sind. Vergessen: wollen wir auch' nicht, daß im Laufe der letzten drei Jahre unsere Genossen in der Kultusgemeinde oft an die bürgerlichen Zionisten) mit dem Vorschlag herangetreten! sind, dieTrage des allgemeinen .Wahlrechtes gemeinsam energisch aufzurollen und oüe Herren um Stricker, Dr. Friedman n, Dr. Plascti ices und Dr.' Löwen herz dafür nicht zu gewinnen waren. ' Das allgemeine Wahlrecht in der Kultusgemeinde kann nur durch den Ansturm der jiüdisahen Massen im heftigen Kampfe mit den. reaktionären! Vertretern der „Union" und der bürgerlichen Zionisten erobert werden. Die jüdischen Massen müssen also zum Kampfe 'gegen .die Reaktion im jüdischen .Wien, für die elementarste Voraussetzung jeder Demokratie aufgerufen werden. In die engen, düsteren Gänge in der Seitenstettengasse soll hineindonnern der Ruf aus tausenden Kehlen: Heraus mit dem allgemeinen ^Wahlrecht in die Kultusgemeinde! M. S. Arbeiter und Angestellte versichern ausschließlich bei der Bßnteinde Wien sii Feuer- und EinbruchversicherungffirWohnungen — Unfall- und Haltpflichtversicherung - Glasbruchversicherung — Lebensversicherung ohne ärztl. Untersuchung bis zu 4000 Schilling oder in jeder gewünschten Währung Direktion: Wien, i., Tuchlauben 8 Telephon 67-5-40 Serie B„ Locker: Warum wir uns der Stimme enthielten? (Schluß.) Sie. alle waren, eigentlich nicht gegen die Ausschaltung der Arbeiter aus der Exekutive, wie siel überhaupt treue Anhänger des arbeiterfeindlichen, Kurses in allen Fragen, die einen klaren sozialen Charakter hatten, waren. Einigen, unter ihnen wai* sogar der arbeiterfeindliche.. Kurs'. zu gemäßigt. So Haben sie beispielsweise in der Frage der Anerkennung der genossenschaftlichen Ärbeitergesellschaft „Nir" als Vertragspartner bei Abschluß von Verträgen zwischen dem . ,,'Keren Hajessod" und den Arbeitersiedlern gegen die Arbeiter gestimmt, während ein Teil der Anhänger »Weizmanns die Arbeiterschaft unterstützt hat. Die Oluskos', Ismoziks und Supraskis aus1 Palästina waren nicht deshalb' gegen die Exekutive, weil sie unbedingt Kaplansky und Sprinzak als Mitglieder wissen wollten, sondern weil ihr Grüppchen in der Exekutive nicht d ire k t vertreten war. Sie kämpften nicht gegen die Ausschaltung der Arbeiterschaft, sondern des Bürgertums' Palästinas. , Herr Zabotinsky und seine Jünger, können auch eine Exekutive ohne Arbeitervertreter, deren Tendenz gegen die Arbeiterschaft gerichtet ist, ertragen, aber sie $nd gegen jede Exekutive, die, wenn nicht von Zabotinsky selbst, so zumindest, von einem seiner Anhänger geleitet wird. Und nun der „Misrachi". Muß erst hervorger hoben werden, daß bei ihm nicht das Ausschalten der Arbeiterschaft das Leitmotiv war? Seine Anhänger verkündeten stolz, daß sie nicht um Mandate in der Exekutive, sondern um Ideen, um die höchsten Interessen kämpfen. Und sie begnügten sich diesmal nicht mit rednerischen Exzessen, sie versuchten um den Preis ihrer Stimmen, oder inirer Stimmenenthaltung der Exekutive Konzessionen zu erpressen. Sie forderten nichts geringeres als, daß in den Verträgen mit den Siedlern die Bedingung aufgenommen werde, daß sie verpflichtet sind, die rituellen Vorschriften zu beachten. Dieser Versuch, die Macht der zionistischen Organisation anzuwenden, um der Arbeiterschaft religiöse Lebensformen aufzuzwingen, ist in dieser Art zum erstenmal unternommen worden. Und obwohl er diesmal — dank dem energischen! tWIderstande eines' 'großen Teiles auch der bürgerlichen Zionisten und weil man sich darüber klar zu sein schien, daß ein Nachgeben in diesem Punkte zur Sprengung des Kongresses führen könnte — abgewiesen wurde, werden wir mit der größten Aufmerksamkeit diese neueste Entwicklung der klerikalen Gruppe im Zionismus verfolgen müssen und gegen neue Versuche, die zweifellos folgen werden, rüsten'. Es scheint, daß wir einem Kampfe nicht werden ausweichen können. Man wird jenen Kreisen die Ueberzeugung beibringen müssen, daß die Arbeiterschaft,' die tolerant ist und die ehrliche Ueberzeugung jedermanns respektiert, sich eine religiöse Diktatur nicht gefallen lassen wird. , Es dürfte jedenfalls allen klar sein1, daß von einem gemeinsamen Vorgehen unsererseits mit dem „MisraChi" in einer Exekutive der Opposition keine . Rede sein konnte. Es darf auch nicht außer. Acht gelassen werden, daß wenn die Oppositiion sogjar in der Lage gewesen wäre eins Exekutive aus ihrer Mitte zu bilden, ob sie sich dazu auch im jetzigen Momente entschlossie» hätte. Dieser Kongreß stand nämlMi' nicht nur uratsjr