Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 8 (28.7.1927)
- Date
- 1927-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Der jüdische Artröter Nr. 8.. Blutiges Vorpostengefecht. Wir wollen hier nicht über den Verlust vm 05 Menstih'eny über die Hunderte von Krüppeln, über tlie vielen Hunderte unglücklicher Faffiiltettängeto^ Hg*en, die uns die blutigen Tage gebracht haben, (Klage erheben. Das ist bereits geschehen. Die Opfer des 15. und 16. Juli werden Uns als Märtyrer def 'Arbeiterschaft, als Opfer der kapitalistischen „Ordnung", stets in Erinnerung bleiben. Das' Massengrab artt Zentralfriedh'of wird, wie das der Märzgefallenen, für alle Zeiten eine Piilgerstätte. für die Klassenbewußte Arbeiterschaft, sein. .Wfr wollen uns bemühen die politische Seite tier blutigen Ereignisse zu analysieren. vWiir hatten oft Gelegenheit den Herrn Prälaten als Regierungsoberhaupt in seiner schwärzesten Sdhwärzkennen zu lernen. Wir waren uns" stets darüber klar, daß Herr Seipel einzig und allein der Vertreter des Großkapitals, der in- und ausländischen Reaktion ist. Wir scheinen ihn trotzdem noch immer nicht richtig eingeschätzt £U haben. . Wir waren uns dessen nicht ganz bewußt, daß dieser schlaue, hemmungslose Politiker stets auf der Lauer liegt und nur eine Gelegenheit abwartet, um loszuschlagen. Wir waren uns scheinbar nicht darüber klar, daß der Vertreter des Großkapitals, auch' wenn er im Priestergewande steckt, angesichts eines solchen Gemetzels' kaltblütig, fest bleiben kann. Unsere sozialdemokratische Partei darf wohl von sich behaupten, daß sie der Arbeiterschaft stets auf den Puls fühlt, daß ihr alles, was die organisierte Arbeiterschaft bewegt, bekannt ist. Sie hat aber dreimal trotzdem die Arbeiterschaft nicht richtig eingeschätzt. 'Der Wiener Arbeiter ist klassen- und machtbewußt, er hat es in den letzten, Jahren oft bewiesen. Es' müßte Idie Partei wissen, daß diese Arbeiter es sich auf die Dauer nicht gefallen lassen können, daß man durch "die systematischen Verleumdungen und Entstellungen der bürgerlichen Presse die Rechtssprechung zu einem Instrumente der Reaktion erniedrigen! soll'; daß man; Arbeiter wie Freifwild straflos niederstrecken darf. Die spontane Auflehnung der Arbeiterschaft gegen diesen' Zustand sollte uns Selbstverständlichkeit sein. «Wir. haben uns schließlich in diesem roten Wien zu sicher gewähnt. Die mächtige, stets wachsende 'Organisation, die rote Gemeindeverwaltung mit ihren unvergleiiChllichen konstruktiven Leistungen. Die. Armee und die Polizei — freigewerkschaftlich! organisiert. » haben die Reaktion in Wien selbst und Arbeiter und Angestellte vflMichflcn autschlitbllefi bei der fiemeiflie Wien Sliisde VsrsiteiiflSänsläll Feuer-und EinbruchversicherungfürWohnungen — Unfall- und Haftpflichtversicherung - Glasbruchversicherung — Lebensversicherung ohne ärztl. Untersuchung bis zu 4oöo Schilling oder in jeder gewünschten Währung Direktion: Wien, I., Tuchlauben 8 Telephon 67-5-40 Serie ihr kostbares Instrument — die von einer reaktionärei> Leitung befehligte Polizei nicht richtig eingeschätzt. ,Wir haben uns im roten Wien sicher gewähnt und sahen inidht, daß im Herzen dieser proletarischen Burg eine reaktionäre Meute sich' eingenistet Wat. Die blutigen Ereignisse 'des 15. und 16. Juli haben uns gelehrt daß wir einen schweren1 Klassenkampf zu gewärtigen haben, daß wir vor uns einen Gegner haben, der auch' vor den furchtbarsten Waffen nicht 'halt macht, der nach einer blutigen Schlacht, die unsägliches Leid verursachte fest bleibt und der Milde nicht zugänglich' ist. „Wir wissen wohl, daß das kleine, abhängige Oesterreich', sich aHein überlassen, einen Umsturz nicht durchführen kann, aber liegt denn die Entscheidung bei uns? Der klassenikämpf wird uns aufgezwungen, die Gegner greifen zu den Waffen. Wir müssen gerüstet sein, wenn wir die folgenden Angriffe abzuwehren imstande sein1 sollen, wenn das rote Wien nicht im Blute der Arbeiterschaft ertrinken soll. Palästina-Rundschau. Arbeiterführer über die zionistische Organisation. — Arbeiterrat in Tel-Aviv. — Aus Nahalal. — Arbeiterseminar in Jerusalem. — Erfolge der Labor Party. — Die Kooperativem in Tel-Aviv. Die landwirtschafthchen Siedlungen. — Beendigung des Streikes bei „Nur"'. —• Aegyptische Arbeiterverfcreter in Palästina. Am 29. Mai sprachen in einer öffentlichem Volksvefrsaramlung in Tel-Aviv, an der dam! „Dawar" zufolge etwa 4000 Menschen teilnahmen» die Arbeiterführer Ben Gurion itthd Bernes über die Lage im Zionismus, die Sitzung des A. O. und die Aufgabe der Arbeiter am komanenden Kongreß. Ben Gurion führte u. a. aus, die pohtMjche Lage der Zionistischen Organisation sei gut, wenn auch einige politische Mißerfolge zu verzeichnen Beden. Deutliche Anzeichen lassen erkennen, daß das Verhältnis der englischeau Regierung au dem Aufbauwerk des jüdischen Volkes! positiv ist; die frühere Einstellung zur zionistischen Arbeit wie zu einem Experiment hat aufgehört. Auf das Problem der Krise geben die zionistischen Führer keine Antwort. Ja^ sie haben! sich sogar gescheut, in der Sitzung des. A. 0. das Problem in seinem vollen »Umfang aufzurollen. Der Eindruck war, daß man glaubte, man sei zu einer Siteung mit dem fatalen Gefühl gekommen, daß es keinen Ausweg gäbe. Die zionistischen Führer haben das zwar nicht ausdrücklich ausgesprochen^ aber innerlich war ihre Meinung, daß es zu viel Juden in Palästina gäbe, von denen deshalb ein Teil das Land verlassen müsse. Nur eine kleine Gruppe, die Vertreter der Arbeiterschaft, haben das Vertrauen nicht verloren. Sie erkannten, daß ein Ausweg nur durch eine starke, gläubige und gebieterisch vom jüdischen Volke Hilfe fordernde zionistische Bewegung kommen könne. In unserer Lage heute könne die Hilfe nur aus dem eigenen Volke und nur zum kleinstem Teile von außen kommen. Die zionistischen Führer erlebten (uatertd em Eindruck des Mißerfolges der letzten großen Einwanderung eine psychologische Krise. Man versuchte, die Schuld an dem Fiasko auf die Schultern der Arbeiter abzuwälzen. Inzwischen aber ist schon klar geworden, und selbst die schärfsten Gegner der Arbeiter entziehe» sieh dieser Kenntnis nicht mehr, daß die Ursachen andere sind. Der Glaube an den Aufbau Palästinas durch1 eine wähllose Mässenimmigration von Menschen, die die Lebensweise des Galuth nach Palästina übertragen, hat sich nicht bewährt. Wir, die Arbeiter, wenden uns nicht gegen das Privatkapital an sich. Wir widersetzen uns nur der Hergäbe von nationalem Kapital an private 'Hände. Wir fordern zunächst eine Verstärkung der Tätigkeit des nationalen Kapitals; nachher wird dann auch das Privatkapitall kommen. Die Zeit ist gekommen, daß die Verantwortlichen in der Zionistischen Organisation verstehen lernen, daß das Sichabfindeh mit der Auswanderung aus1 Palästina antizionistisch ist, daß es keinen anderen Weg als den der Arbeiter gibt: äußerste Anstrengung zur Vergrößerung des Werkes, zur Erweiterung! der Kolonisation und Beschäftigung der Tausende im Lande für produktive Arbeit. Remes bezeichnet das in der A. O.-Sitzung behandelte Anleihe-Projekt in Höhe von 140.000 Pfund als einen Teil des von dem Waad Hapoel der Histadruth! vor längerer Zeit vorgelegten Finanzplanes und forderte unter dem stürmischen Beifall der Zuhörer äußerste Sparsamkeit in deT Zionistischen Organisation und gegen hohe Gehälter, selbst wenn Angehörige der Histadruth dadurch betröffen werden. Dieser Kampf wird dem Zionismus nichts schaden, sondern wird die Atmosphäre nur reinigen. Der Kampf muß auch gegen die Bodenspekulation, die Quelle allen Unglücks gerichtet werden. Dabei darf nicht vor einem Kampf gegen die BodehverkaufsgeseHschaften zurückgeschreckt werden, die mehr geschadet haben' als private Bodenspekulanten. Zum Schluß wiederholt Remes noch einmal die Forderungen an die Konferenz der Histadruth' auf Ausarbeitung eines größzügigen Kolonisationsprojektes, das Absiedlung auf der Grundläge von Pflanzungen und Schchunoth Owdim einschließt. * Die Ausgaben des Tel-Aviver Arbedterrates im Jahre 1926 beliefen sich ^ivuf 469Ä Pfund (fast 25.0OO Dollar). Diese Ausgaben beziehen sich auch auf Vororte, wie Ramat Gan und Herzlich, wie im allgemeinen! die ganze professionale Tätigkeit der Tel-Aviver Arbeiterschaft. Es ist interessant, daß alle Ausgaben' von den Tel- Aviver Arbeitern selbst gedeckt wurden, und zwar 3328 Pfund durch Mitgliedsbeiträge, 802- Pfund, durch Prozente vom Arbeibsbüro, 416 Pfund durch den; Streikfonds, III Denn die Ereignisse des 15. und 16. Juli waren ein blutiges Vorpostengefecht. M. S. B. Locker: Zum Kongreßwahlkampf. Die Sdtekelaktion ist zii Eräde und wir stehen a am Vorabend der Wahlen zum 15. ZionistenkortgressL Zum erstenmal werden wir einelf wirklichen Wahlkampf haben, in welchem wir mit den verschiedenen1 Strömungen des bürgerlichen und h'albbürgerltclhen Zionismus um die Hirne und Herzen der Wählermasse werden ringen* müssen. Wir dürfen uns eingestehen, daß wir unsere Chancen in diesem Wahlkampf, welcher von größter und entscheidender Bedeutung für das Los der Aufbauarbeit und der Arbeiterpositionen in Palästina sein wird, bedeutend verkleinert haben. In den Wochen und Monaten vor dem Wahlkajnpf, als es sich darum handelte, das Wahlrecht unserer Genossen, Symphätikern und all jenen Arbeiter- und Volksschichten, deren massenhafte Beteiligung an den Wahlen die wichtigste Vorbedingung unseres Sieges ist, zu sichern, haben nicht unsere Genossen in allen Ländern ihre Pflicht erfüllt. Dank der genügenden Einschätzung der Bedeutung der Schekelaktion seitens einer Reihe von Genossen) und Organisationen iin verschiedenen Ländern, mußten wir mit einem Resultate beim Wahlkampf rechnen; wenn es uns nicht gelingen sollte mit unseren Losungen in die breiteste Masse der Kongreßwählerschaft einzudringen. Das wird zwar nicht leicht sein, ist aber auch nicht unmöglich. Wenn Verstand und Logik in der politischen und gesellschaftlichen Orientierung der breiten Masse noch1 eine Rolle spielen, wird es nicht unmöglich sein, den Nebel1 von Verleumdungen und' falschen Beschuldigungen, welchen die Ideologen aus dem arbeiterfeindlichen Lager innerhalb des Zionismus, gegen die Arbeiterschaft und ihre Einrichtungen] für den Aufbau Palästinas, verbreiten, auseinanderzutreiben. Vor allem muß in aller Oeffentlichkeit die Wahrheit über die wirkliche Lage in Palästina gesagt werden; sowohl über die Ursache der Krise, als auch1 die Mittel und Wege sie zu bekämpfen. Gerade in den Ländern jüdischer Massensiedlung erreichte die Wahrheit nicht die breiten Massen und das ist die Ursache einerseits der Mutlosigkeit und des Unglaubens' an der Realisierbarkeit des Zionismus überhaupt; anderseits der Legende, daß an der ganzen Krise nur die Pfund durch die Abteilung1 für Kooperative^! und 53 Pfund durch die Gerichtsabteilung. * Die kooperative laaxdwirtschaftliche Kreditkasse in Nahalal gab seit ihrer Gründung vorn Januar 1926 bis April 1927 243 Anleihen in der Gesamteurnrnei von 4263 Pfund. 662 Pfund Anleihen Wurden für Kunstdünger gegeben, 500 Pfund zum Dreschen* 300 Pfund für Betriebskapital1, 300 Pfund für Kühe und 300 Pfund für ein gemeinsames! Lager. * In dem Jerusalemer Arbeitersemiriar wenden: in den Sommermonaten folgende Kurse stattfinden: t. beii Zwi- Eassen, Völker und Stämme in Palastina; Hug*6 Bergtmaan; Historischer und philosophischer Materialismus; B. C. Dynaburg: Die Entwicklung der jüdischen Ansiedlung in Palästina im Zusammenhang mit der Entwicklung der nationalen Bewegung; Hans Kohn: Die Geschichte des Sozialismus; Zwi Schwarz: Wirtschaftslehre; derselbe: Professionelle Bewegung in England. * Infolge der Interpellation des Abgeordneten Kenworthy von der Labour Party im englischen Parlament, nach seinem Besuche in Palästina, beschloß die Regierung, 30.000 Pfuhd bereitzustellen, um das Quarantäne-Lager für, neuankom- I mende Einwanderer in Haifa auszubessern. Es werden vier neue Gebäude gebaut werden, ein großer Speisesaal für 600 Menschen, eine Küclie, ein Eßwarengeschäft und Lager, eine Kantine usw. Bei diesen Arbeiten wird auch eine Anzahl von Arbeitern des Haifaer Arbeiterrates Beschäftigung finden. * In einer der letzten Sitzungen des Tel^Awiwer Arbeiterrätes wurde ein Bericht von der Tätigkeit der Cooperativen- Abteilung beim Arbeiterrat gestattet. Laut dem .Bericht waren im Monat Februar in Tel-Awiw 37 Arbeiter-Produktions-Cooperativen vorhanden (5 Metall-, 4 Elektrizität- und Installations-, 4 Bekleidungs-, 1 Tischlerei-, 4 Transport-, 1 Schnitzerei-, 4 Baumaterialherstellungs-,- 1 Sattlerei*, 1 Geflügel-Stopf-, 1 üebersetzungsbüro- und eine CoopeTative für Spiritusverarbeitung). In den obigen Cooperativen waren 573 Genossen beschäftigt (ilOO Seelen). investierte Kapital beträgt