Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1927-04-20 · Heft 4 (20.4.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 4 (20.4.1927)
Date
1927-04-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2641551-2641552-2641556--019-2641921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite l Der jüdische Arbeiter Nr. "4. Kampfziele« Den "zweiten großen Wahlkampf führt die österreichisehe Sozialdemokratie mit der HäüptloSung: fitf den Mieterschutz! Im Jähre 1927 wie im Jahre 1923 steht hn Mittelpunkte de? Sozialdemokratischen Aufbauprogrammes — der Bau von 30.000 Wohnungen!. Da wird manchem Sensationslüsternem längweih lig, Besserwisser vermissen den Sozialismus und bemängeln die Wahlschlagerpolitik. Sie glauben wohl alle tiefer und weiter als" die Tägespolitiker zu sehen und wissen nicht, wie oberflächlich, wie kurzsichtig sie sind. Was' bedeuten Mieterschutz und Wohnungsbau durch die Gemeinde im Lichte d es Sozi-aUsm us? Daß durch den Mieterschutz und den Wohnungsbau der Gemeinde der Lebensstandard der Arbeiter vor einem Tiefersinken bewahrt wird, leuchtet ja jedem Denkenden eim. Ejne Lohnerhöhung, die, im Falle des' Abbaues des Mieterschutzes1, die Erhöhung des1 Mietzinses wettmachen soll1, könnte unsere Wirtschaft nicht ertragen. Der Abbau des' Mieterschutzes müßte natürlich eine weitere Verringerung des1 Reallohnes der Arbeiter und Angestellten zur Folge] haben. Der Wohnungsbau durch die Gemeinde Wien ermöglicht ein stetes Fortschreiten der Wohnkultur der arbeitenden Menschen. Die Wohnkultur besteht aber nicht nur im schöneren und gesünderenl Wohnen, sondern in diesem neuen Rahmen des Zusammenlebens!, den diese Wohnungen bieten. In den Gemeindewohnhäuserri ist man jener Synthese zwischen! den . individualistischen Neigungen der Menschen zur .Selbständigen Einzelwohnung und den' Intentionen des Sozialismus nach Förderung des Zusammengehörigkeitsgefühls möglichst breiter Schichten der Bevölkerung am nächsten gekommen. Die Sicherung eines' erträglichen Lebensstandards und die Anbahnung neuer Formen des Zusammenlebens für die ar- .berfeenden Menschen, sind wichtige Positionen auf ■ dem Wege zum Sozialismus. ' Aber die Aufrechterhaltung des Mieterschutzes " und der Wohnungsbau durch die Gemeinde enthalten einen noch wichtigeren Kern sozialistischer Verwirklichung. . Wir sind auf dem besten Wege, das Wohnen der Menschen der Willkür des' Privatkapitals zu entziehen'. IMan findet es heute selbstverständlich, daß, Gas;, Elektrizität, Straßen und Eisenbahn den Krallen des! Privatkapitals entzogen sind, man soll und man wird in absehbarer Zeit sich daran gewöhnen, daß auch die iWohnungen kommunalisiert sein werden. Heutzutage /Spielt die Gemeinde Wien bereits' eine große Rolle als; Regulator auf dem Wolniungsmarkte. Wenn diese - Jatigjkeit noch ein Jahrzehnt fortgesetzt werden sollte, würde die Gemeinde Wien; den Wohnungsmarkt nahezu beherrschen. .1 Palästina-Rundschau. Regierung und Arbeitslosigkeit in Palästina. Die letzten Wochen haben keine wesentliche Aenderung auf dem Arbeitsimarkte gebracht. Die Zahl der Arbeitslosen im ganzen Lande beträgt noch'immer über 7000. Doch! sind manche Aussichten auf einte wesentliche Besserung vorhanden. Vor allem scheint die palästinensische Regierung •endlich ihre Haltung einigermaßen) ändern zu wollen. Diese Haltung war bisher alles andere als der Lage und den Pflichten der Regierung angemessen. Trotzdem die Regierung im Jahre 1925 über eine Million und noch'im Krisen jähr 1926 mehrere hunderttausend Pfund Ueberschuß aus Abgaben, Zöllen, Eisenbahn usw. erzielte und obwohl es vollkommen klar ist, daß dijese JUeberschüsse zum allergrößten Teil der jüdiisfchlen Einwanderung und Aufbauarbeit zu verdanken sind, hat düe Regierung es bisher nicht für angebracht gehalten, wenigstens einen Teil ihres Reingewinnes zur Schaffung neuer Arbeitsgelegenheiten und zur Beseitigung! der Arbeitslosigkeit zu verwenden. Ja selbst bei den vorhandenem Regierungsarbeiten wurde gegenüber 'den jüdischen Arbeitern eine mehr oder minder ausg/esprochene Boykottpolitik getrieben, so u. a. von der Eisenbahnverwaltung, beim Bau von Regierungsgfebäuden u. a. m. Es; Ijat nun den Anschein, daß dieLpaläsunensiSehe Rfegierung unter dem Druck der Protestbewegung der Arbeiterschaft, den Bemühungen der zionistischen Exe- Die Aufrechterhaltung «les. .Mieterschutzes! im Zusammenhang mit der Wohnbaupolitik . der Gemeinde (Wien bah1 n t einen neuen Weg f ü r d i e Vergese 11sfchaltlichurtg des Hausbesitzes. Es ist ein wi.chtiger Schritt auf dem Wiege von Sozialistischer Theorie zu sozialistischer Tat, Wir brauchen wohl unseren Genossen und Lesern nicht erst einschärfen, welche Bedeutung der Kampf gegen die Zoller höh ung, gegen die die wichtigsten Bedarfsartikel verteuernden Bundessteuern für die arbeitenden Menschen hat. Wir wollen nur. noch in diesem Zusammenhang' darauf aufmerksam machen, daß der jetzige Wahlkampf auch über das Schicksal der Republik entscheiden wird.: Ein Sieg Seipels würde unsere heimischen reaktionären Banden dem Faszismus und den Horthy-Henkern näher bringen. Die "Reaktion würde sich dann schon sehen und hören lassen. Es geht also in diesem Wah 1 kämpfe auch um den Bestand der Republik. Es ist also ein .Kampf gegen Reaktion, für den . Sozialismus. Unsere Parole: Alle Mann an Bord! Der Sozialismus muß aus diesem erbitterten Ringen siegreich hervorgehen! ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■i^ Arbeiter und Angestellte versichern ausschließlich bei der Bemeimle Wien SlädHe Versiiberanosanslalt Feuer- und EinbruchversicherungfürWohnungen--Unfall-und Haftpflichtversicherung - Glasbruchversicherutjg — Lebensversicherung ohne ärztl. Untersuchung bis zu 4000 Schilling oder in jeder gewünschten Währung Direktion: Wien, I., Tuchlauben 8 Telephon 67-5-40 Serie mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmam^ Unsere Aktion« Die Erklärungen an die arbeitenden Juden, die unsere Organisation zur Zeichnung unterbreitet, haben überallg)üten Anklang, gefunden.;£&'. herrscht allgemeines Interesse für diese Aktion, Bis jetef femgestandene suchen unser Sekretariat auf, um unsere Erklärungen zu zeichnen. Diese Aktion hat aber nur dann einen Sinn, wenn sie einen großen Teil der jüdischen Masseirtf umfaßt. Mit diesen Erklärungen in der Hand wollen wir in einem geeigneten Zeitpunkte an den Parteivorstand herantreten und ihn bestimmen, sich zü den in der Erklärung enthaltenen Forderungen zu äußern. Es ist nur begreiflich, daß die Herren der „Wiener Morgenzeiturtg" über diese Aktion in Verlegenheit geraten sind. Im Geiste und im Stile ihrer „Einheitsliste" stammeln sie von „Wahlmanövern", die arbeitende jüdische Bevölkerung aber weiß, daß wir keine Mandats- und Wahlpolitik treiben, daß wir nur auf die Verständigung der arbeitenden Juden mit der Arbeiterschaft des Landes bedacht sind. Diese Aktoin kann — wenn alle Genossen ün(d Freunde nach Kräften mittun werden — einenjWendepunkt in unserer Tätigkeit bedeuten. Ein Wendepunkt, der neue Perspektiven für die Bestrebungen des jüdischen Sozialismus in Oesterreich eröffnen kann. > * An die Arbeit Genossen! '.\ * Die Erklärung, die unsere Organisation unter den jüdischen Wählern verbreitet, hat folgenden Wortlaut: 1. Das1 Schicksal und die Lebensinteressen1 der arbeitenden Juden Oesterreichs sind unzertrennlich mit dem Schicksal der arbeitenden Bevölkerung dieses Landes verbunden. Ich' erachte es deshalb als - meine unbedinjgtef Pflicht im Kampfe der Arbeiterschaft gegen Großkapital und Reaktion, mich auf die Seite der Arbeiterschaft zu stellen und bei den bevorstehenden Wahlerl für die Liste der Sozialdemokratie-zu stimmen. 2. Die Christlichsozialen und Großdeutscheh haben den Antisemitismus jahrzehntelang gepredigt und in die Tat umgesetzt. Die Sozialdemokratie allein hält unerschütterlich fest an der alten revolutionären Lo- Sun'g der Gleichheit alles was Menschenantlitz trägt. In Oesterreich marschieren wohl jetzt die Christlichsozialen und die Großdeutschen in' einer Einheitsfront mit den jüdischen Großkapitalisten1, aber ihre Hetze, ihre Praxis in der Verwaltung richtet sich nach' wie vor gegen die jüdische Masse. . Der Antisemitismus dient den Christlichsozialert als Mittel, die Masse zu betören und sie für die Reaktion zu gewinnen. Die Sozialdemokratie entlarvt T kutive und der wiederholten Anfragen von Arbeiter- Deputierten (insbesondere Wedgewoods) im Londoner Unterhaus sich entschlossen hat, diese ihre Praxis und ihre Tatenlosigkeit gegenüber der Not der Arbeiterschaft aufzugeben. Jedenfalls wurde der Arbeiterorganisation von Regierunigsseite mitgeteilt, daß für die allernächste Zeit die Durchführung einer Reihe von öffentlichen Arbeiten geplant sei, die etwa 2000 Arbeiter 'für längere Zeit beschäftigen solllen. Es handelt sich u. a. um den Bau von für die Entwicklung des' Landes wichtigen Chausseen, um Entsumpfungsarbeiten,' Errichtung von Amts'gebäuden usw. Es bleibt abzuwarten, in welchem Umfange und Tempo diesje Pläne auch verwirklicht werden. Damit wäre aber die Pflicht der Regierung nur zum 'Teil erfüllt. Zur dauernden Besserung der Lage und 'zwecks Verbreiterung der zionistischen Aufbauarbeit ist unbedingt die wenigstens teilweise Entlastung des zionistischen Budgets von nicht unmittelbar der jüdischen Einwanderung und der Schaffung neuer wirtschaftlicher Werte und Positionen dienenden Ausgaben erforderlich. Die Tragweite dieser Frage erhellt aus der Tatsache, daß von den über 2,438.000 Pfund, die der Keren Hajessod (Palästina-Aufbau-Fonds) von April 1921 bis September 1926 im Lande investiert hat, nicht weniger als; 18.6 Prozent auf dasj Schulwesen und 8.25 Prozent auf die Gesundheitspflege entfallen. Die Regierung hat bis1 zum letzten Jahre zum Schulbudget bloß 2500 Pfund jährlich beigetragen, in diesem Jahre hat sie ihren Beitrag auf 9740 Pfund erhöht — bei einem 'Gesamtschulbudget von 158.000 Pfund, von. dem der Keren Hajessod allein 78.OOO Pfund decken muß. Den Rest bezahlt die jüdische Bevölkerung selbst. Noch schlimmer ist es' um das Gesundheitsbüdget bestellt. Es ist daher eine von allen Schichten der jüdischen Bevölkerung erhobene,, gerechte Forderung, daß die Regierung auch auf diesem'Gebiete endlich' ihre die jüdische Bevölkerung benachteiligende Politik gründlich ändert. Kampf um organisierte Arbeit. Die Beherrschung und Regulierung des Arbeitsmarktes durch die Arbeits'büros der Arbeiterorganisation war stets' eine der Hauptziele der Arbeiterbewegung Palästinas. Besonders wichtig und verantwortungsvoll ist die Aufgabe dieser Arbeitsbüros .in der gegenwärtigen Krise.. Das Bewußtsein, daß che vorhandenen Arbeitsgelegenheiten durch ein eigenes von der Arbeiterschaft . Selbst kontrolliertes Organ gerecht verteilt werden, hat viel dazu beigetragen, daß die Arbeiterschaft auch1 in den Tagen schwerster materieller Not in ihrer kompakten Masse Ruhe und Disziplin bewahrte. Manchen Kreisen ist jedoch gerade diese Einrichtung der Arbeiterschaft die wilde Konkurrenz unter den Arbeitssuchenden auszuschalten bestrebt ist, ein Dorn im Auge. Immer wieder wird der! Versuch unternommen, die Arbeitsbüros als Regulator des Arbeitiö- ,marktes auszuschalten und die Solidarität der Arbeiter durch die Begünstigung Unorganisierter zu brechen. Und es sind bezeichnenderweise nicht nur unverantwortliche Privatleute, die diese Taktik belieben; nein, auch bei Arbeiten, die ganz oder zum Teil aus öffent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.