Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 4 (20.4.1927)
- Date
- 1927-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. J^ÄJI** fri* %V> DER JÜDISCHE Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, IL, Blfiin*ft«rgftis* i/it. Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: . iricrtelj&hfig * S 1.20 halbjährig . . , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 4. Wien, 20. April 1927. 4. Jahrgang. An alle arbeitenden Juden! Jüdische Wähler und Wählerinnen! Am 24. April finden die Wahlen zum österreichischen Nationalrat und Wiener Gemehiderat statt. (Mehr (denn je bedeuten diesmal die Wahlert iim Wesen den Kampf zwischen der vereinigten Reaktion auf der einen und der sp^tetemökratischen Partei auf der anderen Seite. Wo 'ist nun. der Platz der jüdischen Wä'hlör? Die jüdischen Arbeiter und Angestellten werden die Frage kurz beantworten. Gemeinsam mit dem ganzen Proletariat Oesterreichs' führen sie nicht nur während der Wahlen, sondern während ihres ganzen Lebens den Kampf für bessere; Lohn- und Arbeitsbedingungen, für soziale- und Schutzgese&e, für eine neue Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage. Sie, besonders die jüdischen Angestellten, die durch' die Krise, namentlich durch das Zugrundegehen so vieler Banken massenhaft Arbeit und Erwerb verloren haben, werden alle Gefühle von Verzweiflung und Kleinmut unterdrücken und mit ihrer ganzen Leidenschaft sich in den Kampf stürzen für die Rechte der Beraubten und Verelendeten, in den Kampf für den Sieg des' Sozialismus! * Wohin aber gehören die jüdischen Handwerker, Klein kauf leute, (die Hausierer und Agenten, die breiten jüdischen Massen' überhaupt? In der Hauptsache gilt der Kampf der. Frage des Meterschützes. Die; jüdischen Kaufleute -und Handwerker, die jüdischen Aerzte und Anwälte haben dasselbe Interesse wie die Arbeiter, daß der Mieterschutz! erhalten wird, daß die Sozial'demokratiei süegt! Ebenso haben die Massen der selbständigen! Handel- und Gewerbetreibenden in den1 Fragen der Zoll- und Handeispolitik dieselben Interessen! wie die Arbeiter. Insbesondere müssen sie den Kampf der;Sozialdemokraten gegen .das neue Zollattentat auf die wichtigsten Lebensmittel unterstützen, da dasselbe nur den großen Grundbesitzern zum Vorteile, der ganzen städtischen' Bevölkerung zum Nachteile gereicht. Ueberhaupt bedürfen die Massen der kleinen Kaufleute und Handwerker kaufkräftiger Arbeitermjassen, ihr Interesse erfordert es/ daher, daß die Arbeitslosigkeit, wenn nicht beseitigt, so doch verringert wird, denn ein höheres Lebensniveau der Arbeiter bedeutet auch leichteren Erwerb, bessere Lebensmö'glichkeit der breiten Massen der selbständigen 'Handel- und Gewerbetreibenden. Unterstützet deshalb die Sozialdemokratie nicht bloß; im Kampfe um den Mieterschutz, sondern auch in der Steuer- und! Finanzpolitik, ebenso wie in der Sozialpolitik! Deshalb sind auch allle, welche erklären, daß sie wohl Freunde des1 Mieterschutzes, zugleich aber Gegner der Gemeindebauten, der „Breitner-Steuern" sind, in .Wirklichkeit Feinde der breiten Massen. Wenn.man jeder Familie die Wohnung; dem Geschäftsmann seinen Laden, seine Werkstätte oder sein Bureau sichern will-, dann muß man der Gemeinde die, Mittel und die Steuern geben, damit sie bauen kann1, schön und behaglich bauen kann. Aber abgesehen von den Bauten: Sieht martdenn nicht, daß die sozialistisch verwaltete Gemeinde das Geld für produktive und soziale Zwecke verwendet, während der Bund es1 für bankerotte Banken verschwendet? i In ökonomischen Fragen muß man ganz für die Sozialdemokratie sein, denn;sonst ist man gegen sie und notwendigerweise für die christlichsoziale Einheitsfront. ■ Dies ist auch die erste, wenn auch-nicht die einzage Sünde der Herren der ';„Jüd. Liste". Aus Angst, daß die jüdischen Wähler sie von vornherein beiseite schieben sollen, erklären sie si£h für den Mieterschutz^ aber im selben Atemzuge schleudern sie ihre Angriffe gegen die Gern ein debaute'g, gegen die Breitner- Steuern, |gegen e die Sozialdemokratieüberhaupt. Schon deshalb allein'Verdienen sie kein V er t r a u e n. Doch nicht bloß, um den Mieterschutz .gehen die Kämpfe. Der Kampf wird auch darum gejährt, ob die Reaktion überhaupt siegen, -qb, wie der'Trälat Seipel erklärt hat, „ein Ruck nach rechts" kommen soll. Zu diesem Zwecke haben sich die Ghristlichsozialen nicht nur mit den GroßdeutschenL sondern auch mit den Hokenkreuzlern verbunden. "Schon der'Äntis'emitisrnus der Christlichsozialen schlägt der Ehre der jüdischen Bevölkerung ins Gesicht und drangisaliert sie, wo er nur kann. Freilich, nicht die großem Finanzjuden, mii|t denen sie gemeinsame Sache machen, sondern die kleinen, die armen Juden treffen sie. Aber dieser Antisemitismus ist noch' eine Spielerei dem wilden, bestialischen Antisemitismus der Hakenkreuzler gegenüber. Mit ihnen aber hat sich* Seipel verbunden. Denn jedejs' Mittel erscheint gut im Kampfe gegen die Sozial demokratie, für die Reaktion. Aber wir, die breiten judischen Massen, wissen', daßdie mit den Hakenkreuzlern gewürzte Reaktion eine große Gefahr für uns bedeutet. Die Reaktion ist der größte Feind der jüdischen Masse. Des'h'alb alle Kräfte gegen die Reaktion, gegen die Einheitslis'te, alle Stämmen für die Sozialdemokratie! Deshalb' treten wir auch gegen die „Jüdische Liste" auf, die nur die Sozialdemokratie schwächen, die Reaktion stärken kann. Diesmal zeigen die Herren der „Jüdischen Liste" besonders deutlich, daß: ihre Arbeit gegen das- Interesse der breiten jüdischen Massen ist. Erstens weil sie es für gut finden, zusammen mit den erklärten Reaktionären und Antisemiten, zusammen mit den großen Finanzjuden, den schbn-getauften und noch-nicht-getauften Beherrschern der Banken den Kampf gegen die Breitner-Steuern, gegen! die Verwaltung der Wiener Gemeinde zu führen. ' Zweitens, aber treiben die Herren der „Jüdischen Liste", die bürgerlichen Zionisten eine falsche Politik! überhaupt, indem sie einen geistigen Abgrund zwischen den jüdischen Massen einerseits und der Sozialdemokratie andererseits schaffen wollen. Hiebei darf nicht übersehen werden, daß von nationalen Forderungen keine Rede ist. Die Vertreter der „Jüdischen Liste" versuchen wohl die Frage zu verdunkeln, indem sie nationale Phrasen gebrauchen, doch sie meinen (es selbst nicht ernst. Es genügt darauf hinzuweisen, daß sie bei den Wahlen, im Jahre 1923 sich mit den Leuten von der „Israelitischen Union" verbunden und sich damals ausdrücklich verpflichtet haben, keine nationalen Forderungen zu erheben; Nun, von 19231 bis 1927 ist doch in dieser Hinsieht nichts* anders geworden: Der Ehekontrakt zwischen den bürgerlichen Zionisten - und der Israelitischen Union ist zwar gelöst worden, aber nicht etwa deshalb, weil die bürgerlichen Zionisten sich eines anderen besonnen und plötzlich1 nationale Forderungen an den Österreich tsjehen Staat haben steifen wollen, sondern deshalb', weil die „Israelitische Union" einfach keine Lust mehr hatte, ihnen mit Geld für die Agitation und vr$jt Stimmen für Dr. Plasichfces1 zu helfen. Mögen also die -Herren von der jüdischen Liste mit den bloßen1 Phrasen wegen der „nationalen Interessen" ihre Zuhörer nicht betäuben. Eine solche Arbeit wäre nur geeignet, die jüdischen Volkismassen dort, wo es wirklich lebendige jüdische Volksinteressen gibt, von der natürlichen Hilfe, von dem internationalen Sozialismus1 zu isolieren. Doch1 daß dies nicht geschehe, dafür sorgen wir jüdischen Sozialisten ständig, dafür mögen die jüdischen Wähler bei den Wahlen sorgen. u; ■ Brandmarkt als Verräter jene Finanzj;uden und Pressejuden, die demjürdi sehen Volke inS Gesich.t speien und für die A n t ise m i ten d er eh r is11i c h s ozlit'al- 'haken kreuzl eri.s'che.n Ein heitsl iste agitieren! : ' Kämpft auch gegen die Kandidaten der sogenannten Demokratischen und der „Jüdischen Liste", denn bewußt oder unbewußt: stärken sie . die Kraft der antisemitischen Reaktion, des ärgsten Feindes der jüdischen Volksmassen^ Stimmt füfr die 'Kämpf er für ei n besseres und fr eier es Leben, f ür ei n e. G esel lsc haf t ohne soziale und nationale Unterdrückung, für die v ö 1 k e r b e f r ei e n d e S o z i a 1 d e m o k r a t i e! Die arbeitende jüdische Bevölkerung kann und darf wohl von der österreichischen Sozialdemokratie verlangen, daß sie ihren lebenswichtigen1: Wünschen und Forderungen Rechnung trage. Wir verlangen von der Sozialdemokratie, daß sie der antisemitischen Verseuchung der Massen energisch an den Leib rücke, daß sie uns ermögliche, der Entfremdung unserer jungen Generation, vom jüdischen Volke entgegenzuwirken, daß sie das große Werk des Aufbaues eines arbeitenden Palästina fördere. Diese Forderungen befinden sich im Einklänge mit den Grundsätzen der wahrhaften Demokratie, des völkerbefreienden Sozialismus, sie s'ind Gemeingut des internationalen Sozialismus. In Kampfgemeinschaft mit der österreichischen! Arbeiterschaft wollen wir für diese Förderungen eintreten und sie ihr zur Kenntnis1 bringen. Unterfertigt die von unserer Organisationausgegeben Erklärungen! - Die Regeneration, unseres' Volkes' ist eine Tat des Fortschrittes, der nationalen und1 sozialen Befreiung, sie gebietet una deshalb Schulter an Schulter mit den verläßlichsten Kämpfern der Freiheit zu marschieren. Arbeitende Juden! Bekennet teuch zu unseren Forderungen! S.timmet geschlossen und werbet für die Sozialdemokratie! Jüdisch'©; sozialdemokratische Arbeaterorganisation Boale Zion.