Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2638044-2638113-2638114--3326-2641538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
64 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE sie keine Magenschmerzen bekomme. Im Laufe eines halben Jahres ißt die Wöchnerin hauptsächlich Milch, Eier und Kuchen. Manche vermeiden Fleischnahrung im Laufe eines Jahres. Wenn die Wöchnerin zum erstenmal das Bett verläßt, so ruft man in ihr Haus Knaben. Beim Wegtragen des Bettes, das die Wöchnerin benutzt hat, auf den Hof schreiten die Knaben vor dem Bett einheii Hierauf dreht die Hebamme dreimal „Kada" (ein besonderer Kuchen in der Art der Matze aus Mehl, Zucker und Nüssen), zündet Lichter an, zerbricht die ..Kada" in vier Teile. Einen Teil nimmt sie sich selbst, den andern bekommt die Wöchnerin, den dritten erhalten die anwesenden Frauen und den vierten die Knaben. Dies alles wird an Ort und Stelle aufgegessen. Wenn dies beendet ist, so dreht die Hebamme dreimal (von rechts nach links) die Wiege des Neugeborenen, trinkt Wein und beglückwünscht alle Anwesenden. Das Neugeborene. Besonders gefahrvoll ist die erste Woche, vor allem kritisch für Knaben ist der Tag der Beschneidung, an dem das Kind durch die religiöse Handlung geheiligt wird. Das Neugeborene wird sogleich nach der Geburt auf den Boden gelegt, von wo es die Hebamme aufhebt. Dabei wird von der Stelle, wo das Kind gelegen hat, etwas Erde genommen, in einen Lappen getan und um die Hand des Kindes gebunden. Nach lokalem Glauben ist dieses ein Mittel gegen den bösen Klick. Dasselbe wird auch zum selben Zwecke getan, wenn das Neugeborene auf die Erde fällt. Im letzleren Falle ist es ratsam, den Talisman bis zum zehnten Jahre zu tragen. Das Neugeborene wird nicht allein im Hause gelassen. Im Hause, wTo sich das Neugeborene befindet, muß Feuer brennen und am Abend und in der Nacht werden alle Fenster und Türen geschlossen und niemand wird ins Haus gelassen. In Familien, in denen die Kinder sterben, wird bei der Geburt des Kindes dieses in fremde Kleider gewickelt. Außerdem ist auch der „Verkauf" des Kindes an Nachbarn oder Verwandte üblich. Zu diesem Zwecke zahlt der Nachbar oder der Verwandle den Eltern irgendein Goldstück und nimmt das Kind zur Erziehung zu sich. Nach ein bis drei Jahren ..kaufen" die Ellern das Kind und nehmen es in das eigene Haus zurück. In diesem Falle haben wir es mit einer Täuschung des bösen Geistes zu tun. In die Wanne des Neugeborenen wird eine Kohle getan. Auch wird in die Wanne eine Silbermünze geworfen, damit der Charakter des; Kindes ebenso rein und weiß werde, wie das Silber. Die erste Wanne bereitet man sogleich nach der Geburt, nachdem die Hebamme die Wöchnerin gewaschen und gereinigt hat. Es ist nicht ratsam, das Wasser der ersten Wanne nachts auszugießen, es wird im Hause selbst an den vier Wänden entlang ausgegossen. Damit das Kind kräftig werde, gießt man ihm vor dem Bade in d!er Wanne Wein mit Wasser vermischt auf den Kopf. Manche schmieren das Gesicht und den Kopf des Kindes mit einem Ei ein, welches in die erste Wanne geworfen wurde, damit das Kind besser wachse. Am ersten Tage nach der Geburt am Abend gibt man dem Neugeborenen Rizinusöl zur Reinigung des Magens und erst hiernach bekommt es zum erstenmal die Brust, wobei die ersten drei Tage ihm die Brust einer fremden Frau gegeben wird. Es ist nicht ratsam, Kinder vor dem fünften Jahre mit Kuhmilch zu nähren, denn sie würden schwer von Begriffen werden. Der neugeborene Knabe wird in weibliche Kleidung gewickelt, das Mädchen in männliche. Der erstgeborene Knabe wird in alte Kleider gelegt. Dem Knaben wird zum Tage der Beschneidung ein Hemd genäht. Das Material zum Hemd gibt der Sandek (Pate). Das Hemd darf nur eine Person nähen, deren Vater und Mutter noch leben. Wenn dieses Hemd vor der Beschneidung oder in den nächsten Jahren verloren geht, so ist es ein böses Omen. In die Akwani (Wiege) wird das Neugeborene erst am dritten Tage nach der Geburt gelegt. Bis zu diesem Zeitpunkte liegt das Kind in Gesichtsweite der Mutter. Dies dient zum Schulz des Neugeborenen vor dem Raub durch einen bösen Geist. Wenn das Neugeborene zum erstenmal in die Wiege gelegt wird, werden am Kopf- und Fußende Lichter angezündet. In die Nähe der Wiege stellt man Wasser und Wein. In die Wiege selbst werden Psalmen, Knoblauch, Badequaste, ein Messer oder eine Axt gelegt, alles Gegenstände, welche die böse Kraft abschrecken sollen. Zum Schutze des Neugeborenen vor dem bösen Blicke bindet man an die Wiege die Vorhaut und das Nabelband. Manche befestigen noch an die Wiege Gebete, Geld und Perlen. Bis zu einem Jahr darf kein Kind von einem Stummen gehalten werden. Gleichfalls bis zu diesem Alter darf es auf keinen Esel oder Ochsen und auf keine Kuh gesetzt werden. So zum Beispiel wird das Kind, wenn es „abgeschnitten" geboren wird, glücklich sein, auch wird es glücklich sein, w7enn es mit langen Haaren und im „Hemd" geboren