Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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ZUR VOLKSKUNDE DER GEORGISCHEN JUDEN 63 und der Ewa. In dem einem Buch (Ewa) wird die Liste derjenigen Frauen geführt, die zu schweren Geburten verurteilt sind, im zweiten (Buch der Bachiii) die der leichter Gebärenden. Wer ins erste Buch kommt, wird schwer gebären, wer ins zweite, leicht (hauptsächlich in Kardien, Suram und Zehinwali). Bei schweren Geburten wird ein altes Weib, das eine Schlange und einen Frosch vereint gesehen hat, zur Gebärenden eingeladen. Dieses alte Weib schreitet über die Gebärende und spricht folgendes: „Ich habe eine Schlange und! einen Frosch gesehen und sie getrennt." Zum selben Zwecke ruft man auch eine alte Frau, welche zuerst sich auf den Bücken der Gebärenden stellt und dann dreimal über ihren Bücken schreitet, ein Ei auf den Boden wirft und dabei folgendes spricht: „So leicht, wie das Ei zerbrochen ist, so leicht soll auch diese Frau gebären." Auch der Mann kann helfen. Er schöpft Wasser in seinen Bockschoß und gibt es .der Gebärenden zu trinken. Es herrscht hier wohl die Anschauung vor, daß durch das Wasser, das mit den Kleidern des Mannes, das heißt so gut wie mit ihm persönlich in Berührung gekommen ist, die männliche Kraft des Gatten auf sie übertragen wird und ihr die Geburt erleichtert. Bei sich hinziehenden Geburten tritt der Mann vor die Gebärende und fordert mit fester und bestimmter Stimme: „Gib mir das Kind." Dieser Sitte begegnet man auch bei den turkestaner Juden. Möglich, daß hier die Sitte der Kuwade zugrundeliegt. Bei einer schweren Geburt bittet ferner die Gebärende Personen, mit denen sie sich früher gezankt hat, um Verzeihung. Bei diesem Bitus wird in Betracht gezogen, die Feinde zu versöhnen und ihren bösen Einfluß, der die Geburt beschwert, abzuwenden. Ins Bett der Gebärenden legt man Psalmen, aufs Herz „Poreiches" (Vorhang des Schrankes, in 'dem in der Synagoge die Thorarolle aufbewahrt wird) oder die Decke der Thorarolle selbst (auch in Weiß- und Kleinrußland). Ebenso legt man ans Kopfende ein Schloß und einen Schlüssel aus der Synagoge, manchmal hält die Gebärende sie eine Zeitlang im Munde. Auch wird der Schlüssel der Synagoge ins Wasser gelegt und dieses der Gebärenden zu trinken gegeben. In Kardien, Suram und Zehinwali wird das eine Ende eines Fadens an die Thorarolle, das andere Ende aus Bett der Gebärenden gebunden. Dieses Mittel wrird auch bei den turkestaner Juden angewandt. Wie sonst hier und da bei Juden, bläst man in den „Schofar" (Widderhorn), die entstehenden Laute verjagen laut überliefertem Glauben die bösen Kräfte. Oder man begibt sich in die Synagoge, man öffnet den „Oren- Kodesch" (heiliger Schrank, in dem die Thorarollen aufbewahrt werden) und zündet ein Licht an. Analoges beobachten wir bei den Christen, bei denen bei schweren Geburten in der Kirche die „kaiserlichen Tore" geöffnet werden. Manchmal legt man in den „Oren-Kodesch" das Kopftuch der Gebärenden oder man „schlägt Kappores". Beim Kappores (Huhn, auch Geld oder ein anderer Gegenstand) betet man, dann ißt man das Huhn auf oder spendet es Armen. „Kappores" wird über zwei Lichtern gemacht; denn es könnte sein, daß die Wöchnerin einmal jemand keine Lichter zum Sabbat geliehen hat, auch über Salz, vielleicht hat sie jemandem kein Salz geliehen, über Geld, sie hat etwa einem Bettler ein Almosen verweigert usw. Manchmal wird die Kappores vom Chacham (Babbiner) selbst über der Mütze des Mannes gemacht. Nachdem er die beim Kappores üblichen Gebete verlesen hat, nimmt der Chacham zwei Bücher, „thu bitschi char, ager toras gachwdesebt, thu gogo char, zigns gachw-desebt" (bist du ein Knabe, so hast du hier die Thora, bist du ein Mädchen, so hast du hier ein Buch). Die Gebete liest der Mann selbst oder er ruft ins Haus Minjan (zehn erwachsene Juden), welche das Gebet „Jad ha-middoth" abhalten. Es wird auch der 120. Psalm gelesen. Bei den klein- und weißrussischen Juden wird dieser Psalm auf Papier geschrieben und als Talisman an die Wand gehängt. Oder man geht auf den Friedhof zu den Gräbern von Verwandten und bittet sie unter Tränen um Fürsprache beim Allerhöchsten zur Erleichterung der Geburt. Dann wird dort „Kaddisch" gesagt. Wichtig ist die Entfernung („Naol") der Plazenta bei der Gebärenden. Wenn die Plazenta sich lange nicht entfernt, so macht man Wannen warm und läßt die Wöchnerin in eine Flasche blasen. Die Plazenta wird in die Erde vergraben und zwar an einem Ort, wo keiner geht. (Die Plazenta wird als unrein betrachtet.) Manchmal wird sie ins Wasser (einen Fluß) geworfen. Im Laufe der Woche nach der Geburt wäscht die Hebamme täglich den Bauch und die Mutterscheide der Wöchnerin mit Wasser. Am achten Tage erhalten die Wöchnerin und das Kind ein Bad. Besondere Aufmerksamkeit wird der Nahrung der Wöchnerin zugewandt. Sogleich nach der Geburt erhält sie drei Stück Brot, ein Ei, drei Nüsse und Wein (dieses alles erhält die Wöchnerin dann, wenn sie ein gesundes Weib ist). Manchmal gibt man nach der Geburt kaltes Wasser zu trinken, damit