Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ZUR VOLKSKUNDE DER GEORGISCHEN JUDEN 61 gibt, so wird ein Knabe geboren, wenn der Leib weich ist, ein Mädchen. Willkürlich herbeigeführte Vorzeichen: 1. Man ruft ein Kind, führt es zum Hause, zeigt aufs Dach und fragt das Kind, was es da sehe. Wenn das Kind einen Gegenstand nennt, welcher Beziehung auf den Mann hat (Mütze, Dolch usw.), so wird ein Knabe geboren, im anderen Falle, ein Mädchen. 2. Die Milch einer stillenden Frau wird in ein Glas mit Wasser gegossen und wenn die Milch auf der Oberfläche schwimmt, so wird ein Mädchen geboren, wenn sie untersinkt, ein Knabe. 3. Man wahrsagt durch einen Hühnerknochen mit zwei Verzweigungen. Zuerst sagt der eine der Wahrsagenden: „Es wird ein Knabe," der zweite: „Ein Mädchen/' Dann zerrt man an den Verzweigungen des Knochens so lange, bis man ihn in zwei Teile bricht, derjenige, dem der größere Teil zufällt, hat das Richtige erraten. In Häusern, in denen nur Mädchen geboren wurden, gibt man, um die Geburt von Knaben herbeizuführen, dem letztgeborenen Mädchen den Namen „Kmaria", was „genug" bedeutet. Außerdem läßt man von dem Manne der Gebärenden das Nabelband des letzten Mädchens verzehren. Den georgischen sowie den weiß- und kleinrussischen Juden und auch anderen Völkern ist die Überzeugung eigen, daß die Schwangere, sowie die Gebärende und das Neugeborene beständig dem Überfall einer bösen Kraft ausgesetzt sind, weshalb man zu ihrer Sicherung zu verschiedenen Vorsichtsmaßregeln greift. Die Schwangere darf nicht in der Nacht allein auf die Straße gehen, denn man könnte sich an sie heranschleichen, ihr Haare abschneiden und dieselben aufessen, wonach die Schwangere erkranken würde. Amulette zum Schutz der Schwangeren. 1. Das Kraut „chelio krawi" wird zusammen mit einer Kohle in schwarzes Zeug gewickelt und auf den Leib gehängt. Den Aufguß dieses Krautes trinkt man (Sonnabends und Donnerstags) und schmiert das Gesicht und die Hände damit ein (wenn die Schwangere eine hübsche und glückliche Frau ist). 2. Um den Hals de? Schwangeren hängt man, in einen schwarzen Lappen getan, das Kraut „Pilisuna saljiri", Kohle und Schwefel. 3. Man hängt ihr auf den Bauch einen Lappen mit „Wolfsgürtel". Außerdem gibt man der Schwangeren ein Ei, einen Apfel und ein Stück Brot zu essen (diese Gegenstände sind sicherlich ein Symbol der Fruchtbarkeit) und dabei wird eine Beschwörung hergesagt. Wenn die Schwangere, auf der Straße sitzend, über die vorbeigehenden Lahmen und Blinden spottet, so wird das Kind die gleichen physischen Mängel haben. Ein solcher Fall soll sich in Ony ereignet haben. Die Schwangere darf nicht auf Leichen sehen, solche berühren oder auf Nägel treten, weil die Eigenschaften der Leiche oder des Aases sich ,auf das Kind übertragen und es sterben könnte. Die Nägel sollen bei vielen Völkern als Behausung böser Geister dienen. Wenn die Schwangere beim Verlassen der Mikwa auf ihrem Wege irgend einem Tiere begegnet, so muß sie in die Mikwa zurückkehren und noch einmal sich der Waschung unterziehen (auch bei den weiß- und kieinrussischen Juden). Die Schwangere darf nicht auf der Schwelle sitzen. Um dem eigenen Tode zu entgehen, darf sie eine Gebärende nicht früher besuchen, als bis das Nabelband abgeschnitten ist. Wenn die Schwangere einen Fuß über den anderen legt, so darf man nicht darüber hinwegschreiten, denn dem folgen dier Tod des Kindes und schwere Wehen. Wenn jedoch diesem zum Trotz jemand über ihre Fü(?>e hinweggeht, so muß sie nach dem Schreilenden greifen und ihn zwingen, zurück zu gehen. Man darf eben nicht über ein Kind schreiten, sonst hört es auf zu wachsen (allgemein). Fehlgeburten treffen ein: 1. Infolge eines Schreckens, 2. wenn die Schwangere „mei-tumo" (unreines Wasser) trinkt, 3. wenn die Schwangere auf abgeschnittene Nägel tritt, und 4. wenn ein Wunsch der Schwangeren nicht erfüllt wird. Zur Verhütung der Fehlgeburt hängt sich die Frau für die ganze Zeit der Schwangerschaft ein geschlossenes Schloß auf den Bauch und spricht: „Lass' den Leib neun Monate geschlossen sein." Eine Schwangere, die Angst vor einer Fehlgeburt hat, soll nicht über eine Brücke gehen (Brücke als Wohnung des bösen Geistes), um das Feuer anzufachen. Frauen, die oft Fehlgeburten hatten, sollen während der ganzen Zeit der Schwangerschaft auf einem Stuhle sitzen und nur aufstehen, um einige Schritte im Hause zu machen. Eine Fehlgeburt kann auch eintreffen, wenn man nach der Schwangeren etwas wirft. Von dem geworfenen Gegenstande