Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Volkskunde der georgischen Juden Von J. Pulner, Leningrad Im Sommer 1926 und 1928 wurde ich von der Leningrader Staatsuniversität nach Grusien zu ethnographischer Arbeit entsandt. Was ich im Laufe der beiden Sommer über Unfruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt und den Neugeborenen bei den dortigen Juden gesammelt habe, stammt hauptsächlich aus Ony, dem Zentrum des Kreises Ratscha, einem im Tale Bolta am Ufer des Rien gelegenen Städtchen, das nach der Volkszählung von 1923 2703 Einwohner zählte. Die Bevölkerung besteht aus Grusiern, Armeniern und zu 40*3 Prozent aus Juden. Sie leben in ihrem eigenen Viertel ganz abgesondert, äußerst arm und zusammengedrängt. Ihr Hauptberuf ist Hausieren mit Gegenständen des bäuerlichen Bedarfs. Mit dem Packen auf dem Rücken und dem Stab in der Hand kann man 'diese wandernden Kaufleute oft auf den entlegensten Bergpfaden (von Dorf zu Dorf wandern sehen. So stehen sie in regem Verkehr mit der nichljüdischen Bevölkerung und gegenseitige Beeinflussung in Gebräuchen, Volksglauben usw. ist hiernach erklärlich. I. Die Unfruchtbarkeit. Unfruchtbarkeit gilt (allgemein jüdisch) als Unglück. Sie ist Resultat der Einwirkung des bösen Geistes oder eines Feindes. Ein Jude aus Ony erzählte: „Eine Frau hatte lange Jahre keine Kinder. Um den Grund der Unfruchtbarkeit seiner Frau zu erfahren, wandte sich der Mann an einen Mullah. Letzterer erklärte, daß der Grund der Unfruchtbarkeit seiner Frau seine Nachbarin sei, welche in seinem Hofe: 1. eine Nadel mit einem roten Faden, 2. eine Schere, 3. ein Schlößchen, 4. Gras und 5. einen roten Lappen vergraben habe. Alle diese Gegenstände müsse man suchen und ihrer habhaft werden, dann würde der böse Einfluß entkräftet und seine Frau schwanger werden. Der Mann der Kinderlosen befolgte, nach Hause zurückgekehrt, den Rat des Mullah. Er grub dien Hof um und fand auch wirklich die bezeichneten Sachen. Bald darauf wurde seine Frau schwanger." Hier haben wir ein typisches Beispiel für Gegenzauber, wenn der Getroffene aktiv gegen den bösen Einfluß des Feindes auftritt. Daß ein Jude sich an den Vertreter einer nachtjüdischen Geistlichkeit wendet, kommt auch bei den turkestanischen Juden vor. Ebensooft wenden sich aber auch Nichtjuden an jüdische „Zauberer" (Kultusbeamte und dergleichen). Der Kinderlosen wird empfohlen, selbst das Nabelband abzuschneiden, sich auf die Plazenta einer Frau zu setzen, die zum erstenmal geboren hat, und folgenden Zauberspruch zu sprechen: „Sowie dieser Frau kein Kind fehlging, sondern eines geboren wurde, so soll auch von dir ein Kind geboren werden." (In Suram.) Auch wird hier den Ehegatten geraten, Honig mit Pfeffer zu essen. II. Schwangerschaft. Als Kennzeichen der Schwangerschaft gilt: 1. Wenn die Frau nach dem Besuch der Mikwa (rit. Bad) kein Menstrualblut bei sich bemerkt, 2. wenn der Frau nur saure Speisen schmecken. Die weiß- und kleinrussischen Juden verheimlichen die Tatsache der Schwangerschaft aus Angst vor „ain-hara" (böses Auge). Die georgischen Juden fürchten hingegen den bösen Blick nicht und es ist bei ihnen im allgemeinen nicht üblich, Schwangerschaft zu verheimlichen. Sie sind überzeugt und erzählen von solchen Fällen, daß die Dauer der Schwangerschaft bis zu 12 Monaten verlängert wird, wenn die Betreffende Büffelfleisch oder Büffelkäse ißt. Zur Abkürzung auf die normale Zeit hilft eine Büffelwurst, die die Schwangere aufessen muß. Manche behaupten, daß Mann und Frau zusammen sie essen müssen. Wenn die Schwangere einer Beschneidung beiwohnt und dabei eine starke Bewegung des Kindes in ihrem Leibe fühlt, so gebärt sie einen Knaben. Wenn die Bewegungen des Kindes im Leibe der Mutter selten sind, so wird ein Mädchen geboren, sind sie häufiger, ein Knabe. Wenn die Schwangere im Traum; einen Wolf sieht, so wird ein Knabe geboren, sieht sie einen Frosch, ein Mädchen. Wenn die Schwangere vom ersten Monat d;er Schwangerschaft an und weiterhin Übelkeiten fühlt, so wird ein Knabe geboren, bleiben die Übelkeiten aus, ein Mädchen. Wenn bei der Ausübung der ehelichen Pflicht der Ehemann zuerst den Geschlechtsakt beendet, so wird ein Mädchen geboren, wenn die Ehefrau, ein Knabe. Wenn die Schwangere einen festen Leib hat und es auf dem Leibe einen blauen Streifen