Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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BEMERKUNGEN ZU PESSACH 59 „Da war der kleine Josua, der gelehrte Nadelschmied, mit den Zeichen der Armut und der niedrigen Geburt in dem zusammengedrückten Gesicht und den von Kneipzange und Hammer schwieligen Händen. Sein Gewerbe hatte ihn die Tugend der Bescheidenheit und die Ehrfurcht vor den Kräften des Lebens gelehrt. Fünfzig wohlgemessene Hammerschläge auf den Messingdraht erheischte der Nadelschaft und ebenso viele die Hohlkehle um das Öhr, aber wenn die Nadel endlich fertiggestellt auf dem Amboß lag, dann war sie geschaffen, um zu befestigen und zu vereinen, nicht um zu stechen und zu verwunden. Und wenn die Nacht einfiel, saß Josua am Eingang der schwarzen Schmiede und folgte der Wanderung der Sterne längs des Wendekreises. Wie flammte es nicht um ihre Himmelsbahnen und wras wären die Nacht, die Wüsten und die Meere ohne den Silberschein der Sterne! Aber, dachte er, auch die kleinen Nadelköpfe, die neugeschmiedet unter den schwarzen Kohlen in der erloschenen Esse blinkten, hatten ihren Glanz und ihre Aufgabe und Josuas Herz wurde von der Anbetung des Unendlichen erfüllt." Wenn hier auch nur zwei Züge aus diesem scharfumrissenen Charakterbild herausgegriffen und in sinnreiche Verbindung zueinander gesetzt sind, so sieht man doch schon an diesem Einzelfall, um wieviel lebendiger die Haggada wird, wenn man, was sonst nur toter Wortschall bleibt, jeden angeführten Namen durch Eingehen auf seinen Träger individualisiert. FRAGEN STELLT MAN AN PESSACH. „Wie kommt Haman in die Mahnischtann o h?" Die ersten drei Buchstaben von „Mahnischtannoh" bilden in einer gewissen Umstellung das Wort „Haman". In dieser Nacht, um diese Zeit, erhoben sich Generation für Generation Hamans gegen uns mit der furchtbaren Blutanklage und anderen Verleumdungen und mit dem Blut unserer Väter und Brüder gezeichnet sind die Tage des Nissan im jüdischen Kalender, der im ganzen eine unabweisbare Blutanklage gegen unsere Feinde darstellt, in alter wie in neuester Zeit. , Ähnlich gilt manchen Familien ein bestimmter Monat als Glück bedeutend, so der Dezember den Bonapartes. Im Dezember wurde Napoleon I. gekrönt, siegte er bei Austerlitz, wurde seine Asche überführt. In denselben Monat fallen die Wahl Louis Bonapartes zum Präsidenten und der Staatsslreich 1851. In Ergänzung der Daten aus der biblischen Geschichte, die in dem Sederliede „Und es geschah um Mitternacht" aufgezählt werden, weiß die Überlieferung aus späterer Zeit von König Kasimir dem Großen von Polen und ähnlich von Karl Stuart I. von England zu berichten, wie der König in einer mondhellen Frühlingsnacht, durch eine rätselhafte Stimme wiederholt aus dem Schlafe geweckt, von einem Fenster seines Schlosses aus einen verbrecherischen Anschlag auf das Judenviertel entdeckt und rechtzeitig von diesem schweres Verhängnis abgewendet habe. Aber auch eine Anzahl gesicherter historischer Tatsachen vervollständigt das grausige Bild. Jüdisches Blut ist geflossen „in jenen Tagen um diese Zeit" 1013 in Cordova, 1147 in Würzburg, 1190 in York (Märtyrerselbstmord!), 1247 in Valreas, 1283 in Mulrichstaclt, 1288 in Mainz, Bacharach und Troyes, 1328 in Navarra, 1349 in Worms, 1389 in Prag, 1464 in Krakau, 1473 abermals in Cordova, 1481 in Sevilla (Inquisition!). 1492 Vertreibung aus Spanien, 1550 aus Genua, 1558 aus Pesaro. 1615 abermals Pogrom in Worms, 1051 in Carpentras, 1691 Hinrichtung dreier Juden wegen angeblichen Kindermordes in Wilna. Nicht weniger als 123 solcher „Prozesse" von Norwich 1144 über Simon von Trient 1475 bis Polna, Könitz und den Beilis- Skandal! Massakres oder Vertreibungen oder beides zugleich 1710 in Neamtz (Rumänien), 1727 Rußland und Ukraine, 1756 Jampol, 1801 Bukarest, 1848 Deutschland, 1859 Galatz, 1882 Tisza Eszlar!. 1881 Elisabethgrad, 1891 Moskau, 1893 Kolin, 1897 wird Lueger als Bürgermeister von Wien bestätigt.