Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
31/32 (1929)
Issue
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 36 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2638044-2638113-2638114--3298-2641510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

36 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE schiebt, um dem Wortlaute „lehitatef" zu entsprechen, sondern mehr um eine Ablenkung durch das, was das Auge sieht, zu verhindern, geht aus Sepher chassidim92) deutlich hervor. ,,Wenn einer eingehüllt in den Tallith sich des Morgens zum Gebete hinsetzt, so ziehe er den Tallith vor die Augen, damit er nicht dahin oder dorthin schaue. Denn täte er nicht so, so könnte er etwas sehen, was ihn zum Lachen reizt oder seinem Herzen die Andacht nimmt; am Abend (da man ohne Tallith betet) richte er die Augen abwärts, damit er nicht dahin und dorthin schaue und in Gedanken dem nachhängt, was er sieht. .-— Sollten die Kohanim beim Priestersegen vor Ablenkung einerseits dadurch geschützt sein, daß sie sich in den Tallith einhüllten, sollten sie es anderseits auch dadurch, daß die Beter die Blicke nicht auf die segnenden Priester richten durften. Denn es wird im Talmud93) gesagt: „Wer dreierlei betrachtet, dessen Augen erblinden: Regenbogen, Nassi und Kohanim." Als Grund des Verbotes bezüglich der Priester wird angegeben, daß sie im Heiligtume mit dem unaussprechlichen Namen Gottes das Volk segneten. Schon Abudraham (S. 65) bemerkt dazu, daß dies heutzutage nicht mehr der Fall ist, trotzdem besteht obiges Verbot, aber wegen hessach hada'atih, weil die Blicke der Beter die Priester irre machen könnten94). Wie die blaue Farbe ursprünglich an einem Faden der Zizith an den Himmel und dadurch an Gott erinnern sollte, soll ein Blick zum Himmel die Andacht wachrufen. Man soll nur in einem Hause beten, das Fenster hat, damit man den Himmel sehen kann; dies gilt aber nicht für die ganze Zeit des Gebetes, sondern nur für das Aussprechen des Gottesnamens95) (vgl. oben ,,Richtung nach Osten"). Das Laubdach der Sukka darf nur so locker verflochten sein, daß man durch dasselbe die Sterne des Himmels sehen kann96). Als besonderes Verdienst gilt, die Schrift der Thora sogleich zu erkennen, sobald diese geölinet, emporgehoben und der Gemeinde gezeigt wird. ,,Wer die Schrift so sehen kann, daß er imstande ist, sie zu lesen, den erreicht ein großes Licht97)." Der Sinn dieser Worte ist, daß eine derartige Vertrautheit mit dem Bibeltexte, die befähigt, die Stelle von ferne zu lesen, den Menschen zu einer geistigen Höhe führt9S). Kolbo (S. 20) kennt noch den Brauch, daß sich auch die Frauen drängen, um das Sefer zu sehen. Um die Andacht des Vorbeters zu fördern, stellt man eine Tafel, das sogenannte „Schiwisi" vor den Vorbeter mit dem Inhalte: „Ich hoffe zu Gott, den ich stets vor mir habe", damit der Blick darauf Ehrfurcht in das Herz des Betenden bringe und die Seele rein halte99). Bei den jüdischen Kalligraphen hat sich eine eigene Kunst in der Herstellung dieser „Schiwisi" ausgebildet, wozu kabbalistische Wissenschaft noch viel Material geliefert hat, wie besonders das Symbol des siebenarmigen Leuchters, der darin stets graphisch untergebracht ist. Das Augenschließen bei den Toten Es besteht die Pflicht, dem Toten die Augen zu schließen, das heißt die Augenlider herabzuziehen, damit die Augen nicht offen sind100). Begründet wird die Vorschrift mit Gen. 46,4 „Josief wird seine Hand auf deine Augen legen". Rapoport101) bringt diesen Brauch mit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.