Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2638044-2638113-2638114--3297-2641509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE SYMBOLIK DES KÖRPERS 35 Sinnenreiz durch das Sehen, Zusehen stark erregt wird. Die Anschauung befördert die Tat, daher der Grundsatz „Sehen führt zur Erinnerung und zur Tat", der aus Num. 15,39 „ihr solt es sehen und euch erinnern" abgeleitet wirdsi). Das, was das Auge sieht, bestätigt oder stellt richtig die Erinnerung, darum „wir werden das Buch bringen und nachsehen"82) soviel wie „feststellen" bedeutet. Daher soll derjenige, der zur Thora gerufen wird, erst die Stelle, die für ihn zur Verlesung gelangt, ansehen, ehe er den Segensspruch beginntS3). Der Vorleser darf nicht auswendig lesen, sondern muß das Auge auf die Schrift gerichtet halten. Daher ist ein Blinder ungeeignet zum Vorleser. Der Thoraschreiber darf nur nach Vorlage, nicht aber aus dem Gedächtnis schreiben; das gleiche gilt für das Schreiben von Mesusa, Tefilin und Scheidebrief. Anderseits lenkt das „Sehen" von Andacht und Verinnerlichung ab. Man soll nicht den Platz zum Beten zu nahe der Türe nehmen, da das Auge die Vorgänge draußen sieht, und der Beter von der Andacht abgelenkt werden könnte84). Daher soll man da, wo man abgelenkt werden könnte, die Augen schließen, wie Abudraham (S. 52) schreibt: „Wir haben die Gewohnheit, die Augen beim Gebete zu schließen, wenn man gerade gegenüber einem Vorhang oder einer Wand, die mit Figuren geschmückt sind, zu beten hat." „Man könnte auf die Figuren schauen und die Andacht im Gebete verlieren." (Rambam.) Besonders gilt das Schließen der Augen für das Sprechen des Sch'mabekenntnisses, um vollste Andacht und Verinnerlichung zu erreichen und jede Ablenkung von außen zu verhindern85). „Wenn man Sch'ma spricht, verschließe man seine Augen mit der rechten Hand... Das Auf sichnehmen des Joches der himmlischen Regierung beim Lesen des Sch'ma sei in Angst, Ehrfurcht und großer Andacht80)." Maharil (S. 160 a) hat die Hand, während er das Bekenntnis gesprochen hat, auf seine Augen gelegt und sie bis „edhad" zugedeckt gehalten. Im allgemeinen soll man die Augen erdwärts richten als Zeichen der Demut, was besonders beim Gebete gilt87). „Man denke an die Erhabenheit Gottes und die Niedrigkeit des Menschen und sage sich innerlich: was bin ich? — gering und verächtlich und komme mit einer Bitte vor den König der Könige88)." Die Gewohnheit mancher, die Augen aufwärts zu heben und zur Decke emporzuschauen, tadelt Magen Abr. und sagt von solchen, daß die Engel darofo über sie spotten. Nur für die Keduscha gilt, die Augen emporzuheben89). „Wenn ihr saget und kündet den Kindern Jakobs, was ich tue zur Zeit, da sie die Keduscha und das Dreimalheilig sprechen, so lehret sie, daß sie ihre Augen zur Höhe in ihrem Bethaus emporheben und sich selbst, denn es gibt für mich (Gott) keine Freude in der Welt gleich dem Anblick, da ihre Augen hängen an meinen und meine an ihren00)." Die Kohanim, die den Priestersegen sprechen, sollen abwärts schauen01), und zwar deshalb, damit sie nicht durch die Blicke der Menge, der sie gegenüberstehen, verwirrt werden. Darum wird es als ein geeigneter Brauch bezeichnet, daß sie Angesicht und Hände mit dem Tallith verhüllen. Der gleiche Grund dürfte sein, wenn der Sohofarbläser oder der Mohel den Tallith über den Kopf breitet. Daß das „Einhüllen" in den Tallith nicht nur aus dem Grunde ge-