Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Eine Geisteraustreibung aus neuerer Zeit s ist eine auffallende Tatsache, daß die heilige Schrift einerseits I J den Glauben an Geister, Dämonen, Engel überwuuden, anderseits aber die Spuren davon bewahrt hat. Aber nicht nur die biblische Religion hat diesen Glauben nicht völlig überwunden, selbst die spätere rabbinische Literatur nimmt noch auf ihn Rücksicht. Der Glaube an Geister ist nicht geschwunden, lebt bis zum heutigen Tage in gewissen Kreisen fort. Eine kleine Schrift, die den Titel Maas eh Nora (Wunderliche Geschichte eines Geistes) führt und in Jerusalem 5664 (1904) erschienen ist, behandelt z. B. eine Geisteraustreibung. Eine arabische Version der hebräisch geschriebenen Erzählung ist in einer Sammlung von Geschichten und Wunderdingen (Maasse Nissim, Tunis, s. a.) zu lesen. Der Herausgeber des kleinen Büchleins heißt Sabbatai b. Rachamim Mizrahi und versichert ganz feierlich, bei der Geisterbannung anwesend gewesen zu sein. Die Geschichtlichkeit der auf 28 Seiten ausführlich geschilderten Begebenheit wird von nicht weniger als 18 Unterschriften beglaubigt. Die hier unterschriebenen sowie auch die sonst in der Schrift erwähnten Personen beiderlei Geschlechtes sind Juden aus den östlichen Ländern, die in Jerusalem lebten oder leben. Sie stammen, nach ihren Vor- und Zunamen zu urteilen, aus Bagdad, Aleppo, Jemen und Maghreb. Die Geschichte selbst spielt in Jerusalem. Uns interessieren hier weniger die passiven und aktiven Personen noch die Umgebung, vielmehr der religionsgeschichtliche Stoff, der aus dem Schriftchen reichlich fließt. Wir sehen in erster Reihe, daß hie und da im Jerusalem des 20. Jahrhunderts geradeso an die Existenz von Geistern geglaubt wird und Exorcismen angewandt werden, wie zur Zeit Jesu oder im Zeitalter des Josephus und des Rabban Jochanan ben Sakkai. Noch auffallender und bezeichnender ist die Tatsache, daß die Exorcisten heute dieselben Mittel benützen und in Begleitung derselben Vorstellungen und Worte ihre Praxis ausüben, wie ihre Vorgänger es vor 18 Jahrhunderten getan haben. Es mutet einen an, als wäre die Welt stehen geblieben, seitdem Jesus mit seinen Jüngern durch magische Künste Kranke heilte und aus Besessenen die Dämonen jagte. Die jüdische Literatur kennt eine kleine Anzahl von Schriften, die unserer Gattung nahe verwandt sind. Im Midrasch werden schon etliche Fälle von Exorcismen erwähnt. (Vergl. die Aufzählung bei Marmorstein, Minhagim kadmonim beerets Jisrael in Zion, II, 5688, p. 21,) Die Jugend unserer Schrift macht den Inhalt nicht uninteressanter. Wir heben folgende Punkte hervor, die wir einer eingehenden Prüfung unterziehen wrollen: 1. durch Räuchern kann man Geister und Dämonen verjagen; 2. Geister halten sich an unreinen Plätzen auf; 3. die Wichtigkeit des Namens bei magischen Handlungen; 4. das Leben der Seele nach dem Tode; 5. die Transformation der Seele in Tiere oder Pflanzen und 6. die xVustreibung des Geistes. Der Hauptzweck dieser Studie Von Prof. Dr. A. Marmorstein