Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE die im Schatten ihrer Riesenbäume, dem Ventoux zugekehrt, gegen die gemüsebebauten Täler des Comtaf ganz offen ist, gelegen, läßt das heutige Ghetto recht schwer die Ahnung aufkommen, was eigentlich die schmale und hohe Carriere der Juden war; ein altertümlicher Wolkenkratzer, wo von einem Haus zum anderen, deren jeder Stock einen Eigentümer hatte, sich die Plätze und Straßen durch die entsprechende Anzahl der Verbindungskorridore und Terrassen, die in ihrer Milte lagen, verdoppelten. Alles ist seit einem Jahrhundert fast gänzlich niedergerissen und nach moderner Art neu umgebaut worden. Nur die Synagoge und ihr Erdgeschoß ist geblieben, um von der alten Judengemeinde Zeugenschaft abzulegen. In diesen unverletzten Mauern hat sich die alte Atmosphäre erhalten. Die alte Kufe besteht noch, unweit des Ofens für coudolles7), jenes Loch, wohin man die Vorhäute getan hat, und wohin die Frommen nie vergaßen, die abgeschnittenen Nägel zu legen., um am Tage der Auferstehung der Körper zu Gott in Vollständigkeit zu gelangen. Ein wenig weiter, unter einem niedrigen Gewölbe, zwischen den kalten in Stein ausgehöhlten Bänken, auf denen man gewartet hat, bespült das rituelle Bassin noch immer die letzte Stufe einer wackligen Stiege; Sind die Juden, die sich durch ihre talmudische Gesetzgebung von der Welt ausschlössen, noch bevor sie die Isolierung durch das Ghetto erlitten, sind sie in ihrem Elend von einer chronischen unausrottbaren Melancholie befallen worden? Haben sie umsonst versucht ihre Traurigkeit abzuschütteln? Liefert ihre Literatur, wenn sie den Scherz streift, nur ein bitteres und gezwungenes Lachen, aus purer Gefälligkeit etwa, oder eines, das von der ewigen Angst verunstaltet ist? Dem scheint nicht so zu sein. Wenigstens bei unseren comtadinischen Juden. Diese waren im Schatten der Kirche weniger gequält als anderswo; sie lebten da in einem Lande, das ihnen Asylrecht gewährte, sie fanden Ruhe von Verfolgungen. 7) So hieß das ungesäuerte Brot. In den vier heiligen Gemeinden sind die zwei übriggebliebenen Synagogen, die von Carperitras und Cavaillon, Juwelen der Architektur, ganz fein geputzt, mit Fesllustern und Holztäfelungen wie in kleinen Empfangszimmern. Alle Tage waren nicht gleich schrecklich. Weder in der Religion noch im gewöhnlichen Leben. Die schmutzigsten und schlechtest gelüfteten Carrieren der Juden erschallten von früh bis abend von Lärm und Spielen der Kinder8), von Wortspiel und Plauderei. Den allen Vierteln von Nizza und Genua ähnlich, verdankten sie ihre Belebtheit und Lustigkeit dem Leben, das in ihren engen Grenzen wimmelte, dem glücklichen Klima, der Sonne, die jeden Tag die zwischen den Fenstern aufgehängten Fetzen buntscheckig bemalte. Die Tage des Purimfestes konnten im Comtat Tage aufrichtiger und gesunder Volksfreude sein. 8) Die kleinen Judenkinder bekamen täglich ihre Jause auf der Straße in e;Bera Körbchen, das am Ende einer Schnur, manchmal vom sechsten Stock, heruntergelassen wurde. Wenn die Sendung zu lang: auf sich warten ließ, machten sie einen Kreis und riefen im Chor: „Mutter, mein Öibrot oder ich werde ein Goj.K Purim - Masken