Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
31/32 (1929)
Issue
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2638044-2638113-2638114--3271-2641483
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

PURIM IN DER COMTADINISCHEN LITERATUR 9 Judengasse in Carpentras jüdischen Wöchnerin machie man so wie der provengalischen anläßlich ihres ersten Tempelganges das vierfache Geschenk, das dem Kinde galt und aus Brot, Salz, einem Ei und einem Zündholz besiand. Und die israelitischen jungen Leute pflegten einst, den Sitten des Landes gemäß, Äbte oder Kapitäne der Jugend zu wählen, die von den Jurigvermählten um den Preis einiger kleinen Neckereien ein Tribut von Leckerbissen erhoben. Wenn unsere Juden Sehnsucht nach ihrem fernen Palästina hatten, dann stellten sie es sich nach dem Bild des wohlfeilen Orients der Jahrmarktsbuden in Beaucaire vor. Aber verdanken nicht ihrerseits die Provengalen den Juden Wahrsagerpraktiken und astrologischeAberglauben, die jene aus der Kabbala erbten, Amulette und Talismane, Geschichten vonEngeln und Ziffern? Ein Kaffeesieder aus Carpentras erhielt vom Bischof im Jahre 1784 die Erlaubnis, Juden zu empfangen, die Erfrischungen zu sich nehmen oder erlaubte Spiele spielen wollten. Der Saal, der für die Juden bestimmt war, sollte den Christen unzugänglich sein, aber dieses Verbot, leicht genug zu umgehen, ließ den einen und den anderen zu verstohlenen Zusammenkünften Gelegenheiten offen. Wie viele heimliche Begegnungen zwischen christlichen Schmugglern und jüdischen Trödlern, die ihnen gegen Pfänder Geld liehen, zwischen israelitischen Wechslern und Edelleuten, die ihnen Kapitalien zum Verwalten anvertrauten, kann man im Geiste in solche Schenken verlegen?! In derselben Stadt betrachteten einander schalkhaft die Angehörigen der Synagoge und die der Kirche. Zweifellos, sie hatten einander gar nicht gern. Doch noch weniger liebten sie die Herren der Päpstlichkeit, denen oft der Comtat-Venessin wie eine Kolonie vorkam, wo es anging, sich so bald als möglich zu bereichern und so kurz als möglich da zu bleiben. Zwischen einem Rathaus, das zu drei Vierteln neu ist, und einer Platanenpromenade,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.