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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
31/32 (1929)
Issue
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE lehrt uns über den Autor und seine Absichten. „An den Leser! Angedenk der wunderbaren und ständigen Gnadentaten, die Gott jederzeit seinem Volke Israel angedeihen ließ, haben wir uns entschlossen, die obige Tragödie Esther, von dem berühmten Rabbi Marehodee Astruc aus der Stadt LTsle verfaßt und von dem sehr werten Rabbi Jakob de Lunel aus Carpentras vergrößert und vervollkommnet, drucken zu lassen, damit sie jeder um weniges Geld erwerben kann und Gottes Werke lobt. Wir werden den Himmel bitten, er möge uns seine Obhut verleihen; und uns das Glück erleben lassen, uns und ganz Israel im Gelobten Lande vereinigt wiederzusehen und die heilige Sladt Jerusalem wiedererbaut zu erblicken; und wir werden alle zusammen Hallelujah singen. Den 15. Tewet, im Jahre 5535." Es war also um das Jahr 1774 nach „der Zeitrechnung der Herren Christen", um mit den Juden des Comtat zu sprechen, als die Tragödie Esther die Presse des Dominique Gaspard Quenin, des Druckers der Stadt Carpentras, verließ, mit der gefälschten Inschrift versehen: „Im Haag, bei den vereinigten Brüdern." Trotz der klassischen Einteilung in fünf Akte, die ihr Jakob de Lunel gab, gehört dieses Drama, von einer Verkündigung mit Trompetenstößen eingeleitet, mit eingelegten Gesängen und Bänkelliedern untermischt, ganz in die Reihe der Mysterien des Mittelalters, denen es durch seinen naiven, frommen und possenhaften Ton nahekommt.. Unsere Rabbiner, die Schritt für Schritt sich an den biblischen Text halten, verdanken fast nichts der Esther von Racine. Nicht, daß sie sie nicht gekannt hätten; haben sie sich doch von dort vier Verse aus einem der Chöre entlehnt und sie wörtlich übersetzt. Aber, wie Sabatier richtig bemerkt, die Muster, nach denen sie sich richteten, waren in ihrer nächsten Nähe, bei den Christen, in den Pastoralen, jenen kleinen Volksdramen, die noch heute in der Provence gegen Weihnachten die Geburt Christi verherrlichen. Bis zum Tag, an dem die Revolution das Tor des comtadinischen Ghetto aufmachte, gab man die Vorstellung der Esthertragödie jedes Jahr am Purimabend im Freien, auf dem Hauptplatz der Carriere2) von Carpentras. Solch eine Feierlichkeit mußte einen Ordnungsdienst haben, der von den Polizeidienern des Rektors gesichert war, und konnte nicht der bischöflichen Erlaubnis entbehren. Im Interesse des echten lokalen Gepräges ist es nur bedauerlich, daß diese Tragödie der Königin Esther nicht in dem hebräisch-proven^alischen Dialekt geschrieben war, den die comtadinischen Juden sprachen, und dessen südliche Laute angenehm gegen das rauhe Jiddisch der Aschkenasim abstechen. Dieser makaronische Dialekt, in dem das Provengalische sich durch die Vermengung mit dem Hebräischen so komisch verunreinigt hat. verliert sich mehr und mehr. Wer spricht es noch geläufig? Eines Tages, als ich im Postwagen aus Orange nach Carpentras zurückkehrte, hörte ich neben mir zwei oder drei olivenfarbene, krausköpfige Bettler in diesem Dialekt miteinander verhandeln. Es waren dies Unterhändler zigeunerischen Blutes, „Caragues", wie man sie hierzulande nennt, und wahrscheinlich haben sie Vorteile darin gefunden, sich diese Geheimsprache, die auf den Märkten so nützlich ist, von ihren Kollegen, den alten jüdischen Markthändlern, auf den Jahrmärkten zu Orange beibringen zu lassen. Die wenigen Stücke, die in diesem merkwürdigen Dialekt geschrieben waren, sind äußerst selten und nur an den Stil der possenhaften Bilderbücher angelehnt: „Lou testamen de Fourfouye, Jusiou de Carpentras3)" zum Beispiel eine kleine burleske Komödie, die (durch das Manuskript von Avignon) dem Herrn Fabry, genannt Pichigu, einem Doktor der Rechte, und H. Guyard zugesprochen wird. Dieser Schwank, im Jahre 1774 mit dem größten Erfolg in Carpentras aufgeführt, ist uns in einer Kolportageausgabe erhalten geblieben. Auch die Christen vermochten es, diesen Dia- 2) So hieß das Ghetto im Provenealischen. ») Das Testament von Farfouüie, eines Juden aus Carpentras.

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