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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
31/32 (1929)
Issue
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Purini in der comtadinischen Literatur Von Armand Lunel Die Tage des Schreckens, die der grausame Haman zur Vernichtung aller Juden bestimmt hat, jene Tage, die den persischen Namen Purim führen, die Tage der Lose, durch Esthers Aufopferung zu Tagen einer wunderbaren Befreiung geworden, sind in der jüdischen Tradition ein Fest großen und freimütigen Jubels. Familien, die den Sinn für alte Gebräuche noch nicht ganz verloren haben, tauschen noch heute auf Tellern, die mit bunten Bändern geschmückt sind, allerlei Naschwerk aus: Bonbons, kandierte Früchte, Kuchen und jene____Kopien — in Form von Krapfen — der langen Ohren Ha maus — die öhrchen, ganz durchtränkt mit dem Duft von Anis. Und doch ist dies nur ein winziger Überrest einstiger Freuden. Im Ghetto war Purim nicht nur ein Feiertag, den man andächtig beging, sondern ein wirkliches Straßenfest mit Jahrmarktsbuden, Unterhaltungen im Freien, Tänzen auf offenen Plätzen, Musikern, die auf Gerüsten spielten, und allen übrigen Tollheiten einer Maskerade. Die Armen bekamen reiche Gaben, die Kinder kleine Geschenke. Diese Sitte bot das Gegenstück zur Feier des „Jour de Tan", des Beschenkungstages für die nichtjüdische Umgebung. Der jüdische Karneval hatte ebenso seine theatralischen Aufführungen vor den Toren der Synagogen, wie die Mysterien und Fastnachtsspiele, mit denen die Kirche ihre Gläubigen erfreute. Man weiß, daß am Purim während des Gottesdienstes die Frommen und insbesondere ihre Kinder, mit Leidenschaft der Vorlesung der Megillah folgen und die Nennung Hamans jedesmal mit laulem Schreien und Trampeln aufnehmen. Dieses Lärmen und die Freude, ursprünglich zum Ritus gehörig, verlieh der Geschichte von der Königin Esther, die anfänglich nur auf die Liturgie beschränkt war, spater, als die theatralische Aufführung aus dem Tempel in den Vorhof verlegt wurde, in der Luft des öffentlichen Platzes bald den Ton eines Schwankes und das Ansehen eines Maskenscherzes. So fand das komische Element auf ganz natürliche Weise Eingang in das Spiel von der schönen Esther und dem bösen Haman. Es ist auch weiter nichts Erstaunliches dabei, daß sich in unseren glücklichen Judengemeinden des Mittelalters eine ganze Literatur entwickelte, die von der Esther-Legende inspiriert ist, Abraham de Beziers schrieb eine Liturgie für das Purimfest, und Crescas de Caylar jenen berühmten Esther-Roman, dessen hebräischer Text zuerst nicht zu entziffern war, bis man ddrin ein reichhaltiges Poem in provenealischer Sprache entdeckte. Colonyme d'Arles, der strenge Autor des Probiersteines" hat auch für einen Moment seine ernsten Arbeiten aufgegeben, um in Rom eine Megillah zu verfassen, in der er, ohne sich selbst zu schonen, seine Amtsbrüder, die Rabbiner Italiens mit lazzi1) überhäufte. Ein ähnliches Stück wird Levi Ben Gerson zugeschrieben; ohne Zweifel sind aber auch diejenigen, die wir kennen, nicht die einzigen. Und was das Überraschendste ist: diese Phantasien, ja Revuen — möchte man fast heute sagen — waren das Werk von Talmudisten oder Exegeten. Ihnen ist es zu danken, daß das versklavte und eingekerkerte Volk, sich in den Stätten seiner Zerstreuung, einmal im Jahre, ein wenig Freude gönnte. Aber da das Provencalische die gewöhnliche Sprache der Juden des Südens wurde, haben diese alten Parodien des 14. Jahrhunderts, die hebräisch geschrieben waren, bald jedes Interesse eingebüßt. Ein viel späteres Werk, wirklich volkstümlich, weil es im comtadinischen Dialekt verfaßt war, ist bis auf unsere Zeiten gekommen: das ist die „Tragedion de la Reine Esther", von der ein kostbares Exemplar von der Bibliothek zu Carpentras sorgfältig aufbewahrt wird. Eine Anmerkung, am Ende des Buches abgedruckt, bel) Spott.

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