Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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52 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE und ihn heraufbringen, um ihn zur Mahlzeit der Frommen zu bereiten. Vergebens betete er im Innern des Fisches, Gott wollte ihn erst erhören, als er sagte: Was ich gelobte, will ich halten (2, 10), nämlich, ich werde den Livjathan heraufbringen und ihn zur Mahlzeit vorbereiten. Aber nicht an einer Stelle, wo über den Kampf mit Livjathan, oder wo über die Mahlzeit berichtet wird, finden wir den Propheten erwähnt. Es scheint, daß er diesmal mehr Glück hatte und es ihm gelungen ist, vor dem Kampf mit Livjathan zu entschlüpfen. An rationellen Auslegungen der Sage haben wir keinen Mangel. Wortgetreu kann die ganze Erzählung schon darum nicht genommen werden, weil es ausdrücklich heißt, daß es im Jenseits kein Essen, kein Trinken und überhaupt kein sinnliches Vergnügen gebe14). Maimuni tadelt die Unvernünftigen, die derartige Erzählungen wortgetreu nehmen und dadurch verursachen, daß man vom jüdischen Volke nicht sagt, es sei ein weises, vernünftiges (Dt 4, 6), sondern ein einfältiges, unvernünftiges Volk. Das richtige Vorgehen ist, solche Erzählungen als maschal oder chida (Bild, Rätsel) zu betrachten, deren tiefer Sinn herausgefunden werden muß. Denn der Körper kann infolge der ihm innewohnenden Sinne die geistigen Vergnügungen des Jenseits nicht erfassen, ebenso wie die geistigen Wesen kein körperliches Vergnügen kennen, da sie keine Sinne haben. Daher gibt es im Jenseils kein sinnliches Vergnügen. Und wenn es heißt, daß die Frommen dort sitzen mit den Kronen auf ihren Häuptern, so ist damit die Erkenntnis Gottes durch die Seele gemeint; und sie genießen vom Glänze der Schechinah, das ist das Vergnügen der Seelen, das sie in der Erkenntnis der göttlichen Wahrheit empfinden15). Diese Glückseligkeit des Jenseits, die für die Frommen bereitet ist, nennen die Weisen Mahlzeit und dies ist das eigentliche olam haba, die kommende Welt16). Auch die Hauptvertreter der Kabbala sprechen sich für die allegorische Deutung aus. R. Jehuda wendet sich an R. Chijja mit der Frage, wie es sich eigentlich verhalte mit der Mahlzeit, die Gott einst den Frommen bereiten werde. Er beruft sich auf R. Eleazar, offenbar den Sohn R. Simon b. Jochajs, der sagt: Die Mahlzeit der Frommen ist ahn lieh derjenigen, von der es in der Heil. Schrift heißt: Sie schauten Gott, aßen und tranken (Ex. 24, 11). Es ist die geistige Speise der vollkommenen Erkenntnis Gottes. Auch von Mose sagt die Heil. Schrift, er habe vierzig Tage kein Brot gegessen und kein Wasser getrunken, denn er nährte sich vom Glänze der himmlischen Herrlichkeit. So hat man sich auch die Mahlzeit der Frommen in jener Zeit vorzustellen. D. P. Cassel (Zweites Targum zum Buche Ester) nennt die Livjathan-Sage eine Nachahmung der christlichen Symbolik, da bekanntlich ichthys (Fisch) die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus bildet. Nun aber fließt die Sage aus der Heil. Schrift, sogar das Wunder, wonach Jesus mit dem Haken die Wange des Livjathan durchbohrt, hat die Kirche aus Hiob 41, 26 geholt. Sie kann aber auch nach Grimm an die von Thor bekämpfte Weltschlange gedacht haben17). Die Mahlzeit übrigens, die im Christentume eine wichtige Rolle spielt, findet sich