Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHIBCHE HA-ZADDIKIM 39 Zweitens die Vorstellung von den himmlischen Büch»n. Drittens die Lehre, daß der Zaddik die Kraft und den Einfluß besitzt, die göttlichen oder himmlischen Beschlüsse aufzuheben oder zu verändern. Viertens die Lehre vom himmlischen Gerichtshof. Diese vier Lehren sind aus der agadischen Vorstellungswelt bekannt und sollen hier näher behandelt werden. I. Engel erscheinen in Menschengestalt, um Menschen zu warnen, retten, prüfen oder bestrafen. Die biblischen Beispiele sind bekannt. In der Gerbaer Legende ist es ebenso alltäglich, wie es dem Volke in Jerusalem verständlich war, daß fünf Engel dem Wundermanne Chanina ben Dosa erschienen sind und ihm geholfen haben, einen Stein nach Jerusalem zu bringen. Die Legende wird im Midrasch oft wiederholt21)- Chanina ben Dosa war geübt in Wunderdingen. Hier geschieht ein Wunder mit ihm. Nebst der Engelserscheinung erlebt er auch eine Luftreise22). Das Volk glaubte an diese Engelserscheinung, deshalb haben auch Lehrer und Prediger sich derselben in ihren Homilien recht häufig bedient, R Pinchas ben Jair, auch ein Wundermann, wollte nicht glauben, daß die Tochter eines Brunnengräbers in eine Grube gefallen und dort gestorben sei. „Unsere Lehrer" fügten hinzu, daß im Augenblicke, als der Fromme seine Worte sprach, ein Engel vom Himmel kam und die Tochter des Mannes heraufholte23). Engel nehmen die Gestalt von Moses24), Salomo25), Löwen an26) und erscheinen auch bei sonstigen Gelegenheiten27). II. Die Vorstellung von den himmlischen Büchern über Leben und Tod, Sünde und Tugend, Lohn und Strafe ist in den Apokryphen20) und im N. T.29) heimischer als im jüdischen Schrifttum. Das Bild von den Büchern, die in den Himmelshöhen aufgeschlagen sind, erscheint nicht vor dem dritten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung30). R. Jochanan b. Nappacha spricht von den Büchern des Lebens und des Todes, die vom Neujahrstage an geöffnet sind31). Ein anonymer Agadist32) wiederholt in einer weitläufigen Legende einen Dialog zwischen Gott und dem ersten Menschen und schließt mit den Worten: ,,In Zukunft, wenn Gott über die Menschen zu Gericht sitzen wird, dann wird er alle Bücher der Menschen bringen und ihnen alle ihre Handlungen kundtun." Diese Bücher werden auch als Bücher der Erinnerung erwähnt33). Es ist nicht ganz sicher, ob die tannaitische Agada bereits diese Vorstellung kannte oder ob wir es mit einer neuen Schöpfung der Agada der Amoräer zu tun haben. Aus Gen, r. c 61 (ed. Theodor, S. 659—660) wäre man geneigt zu schließen, daß R. Joschua ben Chananja und R. Akiba bereits „Gottes Hand" allegorisch oder tatsächlich schreiben lassen. Gott notiert oder verzeichnet die guten Taten oder die Sündenzahl des Menschen. Die gewiß ältere Form der Aboth des R. Nathan spricht nicht vom Schreiben Gottes, die Lesart wird auch vom jüngeren Midrasch ha-Gadol bestätigt. Wir finden den Gedanken in einem Satze Rabbis, der mit den Worten schließt: „Und alle deine Taten werden in das Buch eingeschrieben werden" (Aboth II, 1). Der Satz wurde