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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1927-01-01 · 1 (1927) · p. Seite 38

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
30 (1927)
Issue
1 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 38 (sequence 44)
Language
German
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38 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE Die zweite Erzählung erinnert lebhaft an einen talmudischen Bericht. Der Zaddik spricht sein Tischgebet. Ein Käufer erscheint und bietet Geld für einen Gegenstand. Der Zaddik schweigt. Der Käufer bietet einen größeren Betrag. Der Zaddik schweigt weiter. Dies wiederholt sich mehrmals. Endlich verkauft der Zaddik den Gegenstand für den ersten Preis. Eine ähnliche Begebenheit wird in talmudischen Quellen von R. Safra erzählt16). Diese zwei Erzäln lungen werden im Namen des Chayyin Ghori gebracht. Die dritte Erzählung enthält die Geschichte von Aubrey, eines Freundes des König Karls V. von Frankreich, dessen Mörder vom Hunde des Ermordeten gestraft wird17). Erwähnt wird die Sitte, Kinder von den Chakamim oder fahrenden Gelehrten, besonders aus Jerusalem, segnen zu lassen18). Die Wirkung dieses Segens wird besonders durch eine Geschichte, die sich in Italien zugetragen hat, illustriert. Ein italienischer Jude ehrte ausnehmend die Abgesandten aus Palästina, bewirtete und beschenkte sie nach seinen Verhältnissen. Im Hause dieses Mannes lebte ein Diener, Isaac Gujta, der den Hofnarren im Haushalt des reichen Mannes spielte. Einst kam ein Abgesandter und man führte den Diener vor. Zum Spaß wurde er aufgefordert, einen Betrag beizusteuern. Er brachte seinen Beutel und lieferte seine Lira mit der Bitte, daß der Rabbi ihn segnen möge. Der Rabbi segnete ihn, er möge im nächsten Jahre seinen Platz unter den reichsten Juden der Stadt einnehmen. Dieser Segen erfüllte sich wörtlich durch eine Reihe von wunderbaren Begebenheiten. Der Mann begnügte sich aber nicht mit irdischen Gütern, sondern strebte auch nach Wissen und wurde der Verfasser des Werkes Ss'de Jitschak19). Die vierte Erzählung berichtet von einer messianischen Vision, die Saul Cohen, der Verfasser von Arbe P'ssachim hatte20). Zu seinen Lebzeiten wurde der Sklavenhandel verboten. Saul war darüber sehr betrübt, daß für die Nachkommen Kanaans ist die Freiheit gekommen und nicht für das zerstreute Israel. Er klagt und jammert, worauf ihm eine Vision zuteil wird (S. 42 ff.). Die nächste Erzählung handelt von Rachamin Ghori, der in Gjerba lebte. Einst herrschte die Pest auf der Insel. Die Leute errafften mühselig Nahrungsmittel und schlössen sich in ihren Häusern ab. Rachamin blieb aber seiner Gewohnheit treu, zu predigen, Kranke zu besuchen, Trauernde zu trösten, zur Buße aufzufordern, ohne Gefahr zu fürchten. Als die Pest immer ärger wurde, folgte er dem Beispiel seiner Landsleute. Eines Tages kamen zwei Männer und befragten ihn: „Warum hast du deine frühere Lebensweise aufgegeben?" Er antwortete: „Ich fürchte mich vor der Pest!" Hierauf zeigen ihm die Männer — es waren Engel — die Bücher des himmlischen Gerichtshofes, wo die Namen aller dem Tode Bestimmten verzeichnet sind, aber Rachamin und seine Hausleute fehlten. Rachamin nimmt das Buch zur Hand und streicht die Namen einer Menge Leute aus, die hiedurch von der Pest gerettet werden und am Leben bleiben. Diese Erzählung ist besonders reich an religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Motiven. Erstens das Erscheinen der Engel.

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