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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1927-01-01 · 1 (1927) · p. Seite 30

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
30 (1927)
Issue
1 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 30 (sequence 36)
Language
German
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30 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE Eine jüdische Zunft aus neuerer Zeit Alte, vergilbte Protokolle erzählen, daß im Jahre 1836, am 5. Juni, die verschiedenen Gewerbetreibenden jüdischer Konfession der Stadt Miskolc, eine Versammlung abhielten, in welcher sie beschlossen, den 1833 gegründeten Bund der israelitischen Professionisten, dessen Statuten sehr lückenhaft gewesen, zu einer Zunft umzugestalten. Sie verfaßten für diese ganz neue, dem Zeitgeiste entsprechende Normen. Die Zunft stand bis zu ihrem Ende unter den Fittichen der israelitischen Kultusgemeinde. Unter ihren Vorständen erntete Oberzunftmeister Lorenz Weinberger, der dreimal nacheinander auf den Präsidentenstuhl gewählt wurde, stets großes Lob; er brachte die Zunft zur Blüte, und als er hochbetagt im Jahre 1841 von seinem Amte schied, wurden seine unverblühlichen Verdienste protokollarisch verewigt. Mitglied der Zunft konnte nur der jüdische Gewerbetreibende werden, der sich durch seinen religiös-moralischen Lebenswandel die Achtung und Wertschätzung der Glaubensgenossen erworben hatte und verheiratet gewesen. Die in Miskolc ansässigen jüdischen Professionisten konnten nur dann in die Kultusgemeinde aufgenommen werden, wenn sie vom Vorstande der Zunft eine Legitimation brachten, daß gegen die Aufnahme keine Einwendung vorhanden sei. In den Sitzungen der Zunft durften Religionsangelegenheiten nicht verhandelt werden und innerhalb wie außerhalb der Zunft war es den Mitgliedern strengstens verboten, gegen die jüdische Religion zu agitieren, jemanden gegen das Judentum anzueifern oder zur Taufe zu überreden. Am 12. Dezember 1852 suchte die Zunft beim israelitischen Schulstuhl an, den Gewerbelehrlingen, ungefähr 70 bis 80, wöchentlich zwreimal einen Unterricht zu erteilen und votierte für die Lehrer ein Honorar von 60 Gulden pro Jahr. Mit der Ausarbeitung eines Lehrplanes wurde der Rabbiner betraut. Die Protokolle der Zunft wurden am 13. März 1862 abgeschlossen und kurz darauf stellte die Zunft ihre Wirksamkeit ein. Im Miskolcer Volksmuseum ist noch heute die Truhe der jüdischen Zunft zu sehen. Die Sitzungen der Zunft begannen immer mit der Öffnung der Truhe und endeten mit der Schließung derselben. Sie diente als Archiv und Kasse. Die Truhe wurde im Hause des Oberzunftmeisters gehütet und von dort ist sie jedesmal in den Sitzungssaal gebracht worden. Im ganzen Lande war nur diese Zunft bekannt. Eine ähnliche wollte man in Erlau gründen und die Normen der Miskolcer dienten als Muster. Ob die Erlauer jüdische Zunft auch tatsächlich ins Leben trat, darüber sind keine Dokumente vorhanden. Rimaszombat (Tschechoslowakei). Ludwig Schlosz.

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