Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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22 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE gekrümmte (akalathon) Schlange. Neben diesen ist noch der tannin „im Meere". Und wenn dies letzte Wort sich nichtauch auf die beiden Schlangen bezieht, so ist der Livjathan auch kein Seetier. Sowohl Raschi wie RDK finden darin richtig gewisse Völker symbolisiert. So können unter den beiden Schlangen solche Völker gemeint sein, deren Macht auf dem Lande sich offenbarte, wie Assyrien, Babylonien, während der tannin eine Seemacht, zum Beispiel Ägypten, vertritt. Der Dichter des 74. Psalms hat sich einen mehrköpfigen Livjathan vorgestellt (14). Nach einer babylonischen Sage ist eine als Seeungeheuer verkörperte Meeresgottheit, die die Gestalt eines Fisches und unter dem Kopfe noch einen zweiten Kopf hat2), des Tags damit beschäftigt, daß sie den Menschen Kenntnis verschiedener Wissenschaften und Künste übermittelt3). Aber die babylonische Tradition kennt auch eine große Schlange mit sieben Köpfen. Vom Livjathan als Lehrer verschiedener Sprachen werden wir auch in der jüdischen Tradition hören. Da im Buche Hiob der Livjathan nicht nur das Meer sieden macht, wodurch er zum Seetiere gestempelt wird, sondern auch mit Schuppen und Flossen versehen ist (141, 7, 22) so erhielt er endgültig die Gestalt eines Fisches, der sich von anderen Fischen nicht nur durch seine Größe, Stärke und Weisheit, sondern auch durch seinen äußeren Glanz unterscheidet4). Der Wohnort des Livjathan ist das Meer. Als Gott die Gewässer sammelte, befahl er ihnen, sich am Orte des Livjathan zu versammeln. Die Länge der Welt enthält eine Reise von 500 Jahren, ebenso ihre Breite. Sie ist aber rund und umgeben vom großen Meere, das Ozean genannt wird. Dieser steht auf den Flossen des Livjathan, der da in den untersten Gewässern wohnt, wo er einem kleinen Fische im Meere gleicht. Da wir uns vom Wohnorte des Livjathan kaum eine Vorstellung machen können, so wird einst Elijahu b. Berakhel (Hi 32) den Auftrag erhalten, die Wohnungen des Livjathan und Behemoth dem neugierigen Publikum zu zeigen. Wie wir sehen werden, ist ihm der Prophet Jonah zuvorgekommen, da er auf seiner großen Unterseereise auch die Wohnung des Livjathan sah. Hiob schildert nur die Stärke des Livjathan, aber nach dieser Schilderung können wir aus seiner Stärke auf seine Größe schließen, und wenn, nach Jesaja, Gott ein großes und starkes Schwert braucht, um den Livjathan zu töten, so müssen wir uns ein Ungetüm von besonderer Größe vorstellen. David Kimchi sagt (Jes 27), der Livjathan heiße darum bariach, weil er mit seiner ungemeinen Größe wie ein Riegel das Meer von einem Ende bis zum anderen verschließt (Ex 36, 33); da er aber manchmal gezwungen ist, sich zusammenzuziehen, zu krümmen, weil er zu lang oder ihm das Meer zu kurz ist, so gebührt ihm auch der Titel akalathon (gekrümmt) 5). Auch das'"kleine Abenteuer des Propheten Jonah gibt uns eine Andeutung für die Größe Livjathans. Als er ins Meer geworfen wurde, da kam der schon seit der Schöpfung dazu bestimmte Fisch, um den Propheten zu verschlingen. Dieser schlüpfte in den Rachen des Fisches, wie wenn man in eine große Synagoge eintritt. Da redet ihn der Fisch an: „Weißt du denn nicht, daß heute meine Zeit da