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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1927-01-01 · 1 (1927) · p. Seite 20

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
30 (1927)
Issue
1 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 20 (sequence 26)
Language
German
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20 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE begleitete: „Sei fruchtbar wie ein Ei, kräftig wie Brot, nützlich wie Salz, gerade gewachsen wie ein Zündhölzchen20)." Der Ursprung des Brauches ist nicht weit zu suchen: es ist eine wohlbekannte provencalische Sitte und wurde eben unverändert von der jüdischen Bevölkerung übernommen. Am Sabbat derselben Woche gingen die Freunde und Verwandten des Hauses nach dem Frühgottesdienst geradenwegs aus der Synagoge in das Haus des Neugeborenen. Hier nahm die Patin das Kind aus den Händen der Mutter oder der Amme und legte es in die Wiege; vor dieser stand der Pate und hielt einen Pentateuch in den Händen, der bei den Zehn Geboten aufgeschlagen war. Der Chasan rezitierte hierauf eine Reihe von Gebeten für das Wohlergehen des Kleinen und verschiedene Abschnitte von # guter Vorbedeutung, die ihren Höhepunkt in folgendem erreichten: „Möge dieser erfüllen, was in jenem geschrieben steht; möge dieser überlegen, was in jenem geschrieben steht; möge dieser lernen, was in jenem geschrieben steht; möge dieser beobachten, was in jenem geschrieben steht21)." Diese Zeremonie, im Hebräischen als „ssimath hanaar b'arissah" (den Knaben in die Wiege legen) bekannt, ist dem Kenner jüdischer Literatur nicht fremd, denn sie kommt in beinahe der gleichen Form im Machsor Vitry vor, wo außerdem erwähnt wird, daß es üblich war, eine Feder als Symbol in das winzige Händchen zu stecken22). Aber es ist trotz alledem interessant, sich vor Augen zu halten, daß diese eigenartige und charakteristische Zeremonie, welche im ältesten französischen Ritual zu finden ist, sich unter den kleinen Resten dieser französischen Gemeinden fast bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Es bedarf keines weiteren Beweises dafür, wie rein sich die Traditionen der Juden im Gomtat Venaissin fortgepflanzt haben und wie wichtig es ist, ihrer in jedem Überblick des verschwindenden jüdischen Lebens zu gedenken. x) Einige wenige lokale Bräuche sind von Jules Bauer in „Quelques Usages des Isi aelites Comtadins" beschrieben worden: Uriivers Isra61ite. LI. pp. i ff., 44, 1 ff. Eine Reihe anderer wird von mir m einem Artikel über die Gesetze gegen den Luxus beschrieben, wie sie die Gemeinde von Garpentras übte; der Artikel erscheint in einer der nächsten Nummern der Jewish Quarterly Review. Die Bräuche, die ich hier erwähne, sind mir zum größten Teil vom M. Ulysse Mosse in Car| entras übeimittelt worden. 2) Siehe die Beschreibung von Isidore Loeb in R E. J , pp. XII227 ff. Jede Spur, ja jede Erinnerung an die Synagoge von Lisle ißt heute verschwunden. 8) Siehe zum Beispiel das Grab der Primitiva, in Blustein, „Storia degli Ebrei in Roma", p. 20, wo Lulab und Ethrog zweimal abgebildet sind, auf beiden Seiten der Inschrift; und Ascoli, „Iscrizione", Tafel II. Die Tatsache, daß dieselben Symbole aujp den jüd;schen Münzen zu finden sind, bietet keine genügende Erklärung iür ihre lan^e Erhaltung. 4) Berliner, „Geschichte der Juden in Rom", I, 164. ß) Migne, „S. Greg.M. Opp.u, Iii, p. 635. 6) Güdemann, „Geschichte des Eiz;ehung-wesens", Hebräische Ausgabe, p. 20 f. — Zunz, „Zur Geschichte", p. 485. 7) Vgl. Jewibh Encyclopedia, IV, p. 355. 8) Vgl! die Berichte von Reisenden im Mittelalter, passim, und besonders die des Jacob von Paris und Gerschon ben Elieser (Eisenstein, „Ozar Massaoth", New York, 1926, pp. 70, 177). Die bedeutendste von allen war die Synagoge von Jübar in der Nähe von Damaskus, wo Eliah Zuflucht gesucht haben soll, und die sogar von denKaraiten heilisr gehalten wird (ibid., pp. 211, 137). 9) Siehe den „Seder ha-Konteris", Avignon 1765, pp. 31 ff. Es scheint, daß die merkwürdige numerische Hymne (ibid., p. 30), die m der europäischen Literatur viele Parallelen hat, im Comtat ausschließlich als Sukkothhymne gebraucht wurde. 10) Ibid., 28 b. ") Siehe die ausgezeichnete Studie von Aldo Neppi-Modona, rl Giardini di Adone in un'usanza degli Ebrei d'ltalia, in Bilychnis n. CXVIII". 12) T. B. Schabbat, f. 81 b. 13) Es ist d<e Hymne mit den Anfangsworten (P* 214 b a(l finem in den gedruckten Ausgaben). In der Einleitung zu „Chants HäbraYques suivant le rite ... de Tanciea Comtat" wird der melancholische Charakter der Melodien für Simchath Thora betont, auch werden manche der Zeremonien beschrieben. 14) pnftrsnp p'p jj-uöd DsS:n whth tid p- 114b- Was das Amt des Mekonen betrifft, siehe „Statuts des Juifs d'Avignon", 1779 ed. Loeb in Annuaire des Stüdes Juives, vol. I., § 17, und das beigefügte Glossar ad vocabulum.15) Bamberger, rnfiÖtP "HJ?t£>!•» 118. Diesen Hinweis verdanke ich Dr. A. Büchler. 16) So wird zum Beispiel in den oben erwähnten Gesetzen gegen den Luxus das Wort tPöTiJ?Ö gebraucht (arabisch: Ma'aruf, Bekannter), und zwar im Sinne von Klient aus der Bevölkerung des Landes, wie auch häutig in den mittelalterlichen Responsen; vgl. hierüber Ben Jehudah, „Thesaurus", VI., 3196. 17) EbenBochan, ed. Wolf, 1865, pp 32, 33. 18) Aruch, v. v. 19) Bauer wie oben. 2°) Ibid. Siehe auch „Hillel ben Schachar" in Menorah-Jonrnal, XII, 542. 21) Seder ha-Konteris, pp. 48/9; M. Milhaud, „Rituel des Prieres en Hebren a l'usage des Israälites de l'ancien Comtat, Aix 1855, 1., pp. I48ff. 22) „Machsor Vitry", p. 628, § 507. Zwei Schüsseln stehen auch auf dem Sedertische der marokkanischen Juden, vgl. Toledano, Ner mi-marale 215. Dieselben Bräuche an verschiedenen Oiten zu verschiedenen Zeiten auch sonst, z. B. das Begießen mit Wasser (vgl. Jahrbuch für jüdische Volk, künde 1923, S. 453) bei den Juden in Marokko zu Schabuoth, statt des Verbrennens des Haman zu Purim das des „chamezdigen Borcnu" am Ausgang des Pessach (übrigens beides behördlich beanstandet); der „Leiterkuehen" wird in Südrußland für Hoschana rabba gebacken. Am 9. Ab werden auch im Osten Europas von den Kindern Kriegsspiele aufgeführt und durch das Bewerfen der Mädchen mit Kletten Spaß getrieben (Nischen zu beiden Seiten des Thoraschreines bei den Sephardim.) Dem,.Mise au Berceau" der Knaben entspiäche das ,,ä haut la creche" der Mädchen, vgl. Mitt. z. jüdischen Volkskunde V, S. 7 und XXXV, S. 124. Dr. Grunwald.

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