Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE BRÄUCHE IM COMTAT VENAISSIN 19 daß im Comtat bei derselben Gelegenheit Zuckerküchlein mit Orangengeschmack gebacken werden, die die Form einer Leiter haben müssen. Auf den ersten Blick würde man eine Beeinflussung durch den katholischen Gebrauch der „Himmelsleitern" anzunehmen versucht sein — jener leiterförmigen Kuchen, die während der Fastenzeit gegessen werden. Aber Pfingsten (Schawuoth) ist viele Monate später als die Fastenzeit und so müssen wir uns nach einem anderen Einfluß umsehen, wenn wir auch die erste Vermutung nicht ganz von der Hand weisen wollen. Nun hat Kalonymus ben Kalonymus zu Anfang des 14. Jahrhunderts in seinem satirischen „Eben Bochan" die „Küchenreligion" der damaligen Provencejuden verspottet, deren Judentum sich darin erschöpfe, all jene Speisen, die an gewissen Festen gebräuchlich waren, mit der größten Sorgfalt und Genauigkeit zuzubereiten. Er beschreibt ausführlich die Bereitung eines bestimmten Honigkuchens, der in Form einer Leiter gebacken wurde, denn, so erklärten die lokalen Frommen, „ssullam" (Leiter) habe numerisch den gleichen Wert wie „Sinai"17). Ob dies wirklich der Ursprung unseres Brauches ist, bedarf des Beweises; was aber feststeht, ist, daß dieser Brauch, der im Comtat noch heute lebenden Einwohnern in Erinnerung ist, mindestens 600 Jahre zurückgeht. Der 9. Ab Am 9. Ab pflegten die Kinder des Comtat um kleine Kerzchen herumzutanzen, die in einer Reihe auf dem Fußboden brannten. Dies scheint ein sonderbar fröhlicher Brauch für einen Trauertag. Die Sommersonnenwende liegt zu weit zurück, als daß man einen Zusammenhang mit den Freudenfeuern dieser Feier annehmen könnte. Die einzige ähnliche Sitte bei den Juden ist das Freudenfeuer, das laut dem Zeugnis des „Aruch" früher in Mesopotamien am Purim üblich war18); aber können wir annehmen, daß in der modernen Tradition die Daten verwechselt wurden? Eine annehmbarere Erklärung ist wohl die, daß die brennenden Kerzen ein Symbol des brennenden Tempels darstellen. Inneres der Synagoge in Carpentras D i e „M i s e au Berceau" (Wiegenfest) Das jüdische Kind war im Comtat der Held mancher Feier. Die Beschneidung, wie wir gesehen haben, fand im Tempel statt, wo der Knabe vor der Zeremonie dreimal dem Throne des Elia präsentiert wurde. Ein Päckchen Gewürznelken wurde unter alle Anwesenden verteilt und jede Frau brachte dem Kleinen ein weißes Band als Geschenk; dieses wurde dann zu einem Kleidungsstück verarbeitet19). Später machte die Mutter mit dem Kinde Dankbesuche und bei dieser Gelegenheit erhielt es in jedem Hause ein symbolisches Geschenk, bestehend aus einem Ei, einem Laib Brot, ein wenig Salz und einem Zündhölzchen. Dies hieß „la bonne fortune" (das Glücksgeschenk) und seine Erklärung liegt in dem feierlichen Wunsch, der es stets