Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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- Avignon 1× ep/1047822
- Rashi 1× ep/1002670
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18 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE verschiedenes Obst, wie es die Jahreszeit brachte; in der zweiten Getreidekörner und andere Nahrungsmittel. Getreide wurde auch über den ganzen Tisch verstreut Diese zwei Schüsseln wurden bis zum Vorabend des Versöhnungstages aufbewahrt. In seinen wesentlichen Teilen ist dieser Gebrauch unter den Juden Italiens zu finden, aber nur unter diesen. Es hätte keinen Sinn, hier zu wiederholen, was erst kürzlich eine so ausgezeichnete Darstellung gefunden hat11). Eines aber kann wohl hervorgehoben werden: Es gibt Responsen der Gaonim bezüglich einer Diskussion darüber, ob es erlaubt sei, eine „Parpisa" am Sabbat umherzutragen. Und Raschi kommentiert diesen Terminus folgendermaßen: „Aus den Responsen der Gaonim ersehe ich, daß es üblich ist, aus Palmblättern Körbe zu flechten, welche mit Erde und Dünger gefüllt werden; zwei oder drei Wochen vor Neujahr richten sie solche Körbe für jeden Knaben und jedes Mädchen im Hause her und säen darin ägyptische Bohnen oder andere Hülsenfrüchte, die darin sprossen. Dies nennt man eine Parpisa. Am Vorabend des neuen Jahres nimmt nun jedes Kind seine Parpisa, schwenkt sie siebenmal um sein Haupt und spricht dazu: ,Dies ist an Stelle dessen; dies ist mein Ersatz; dies ist mein Stellvertreter.4 Und darauf werfen sie die Parpisa in den Fluß12)." Es scheint, daß dieser Gebrauch einerseits mit den uralten Gärten des Adonis zusammenhängt, anderseits mit dem modernen Gebrauch der Kaparoth, obzwar ein solcher Zusammenhang nicht endgültig zu beweisen ist. Was aber wohl außer Frage steht, ist, daß dieser Gebrauch der Juden im Comtat und in Italien eine Fortsetzung des alten Ritus ist, wie ihn die babylonischen Gaonim beschreiben. SimchathThora Die Bedeutung dieses letzterwähnten Beispiels wird noch durch ein zweites erhöht. Die komplizierteste und auffallendste Zeremonie in der gesamten Liturgie des Comtat ist im Ritual des Simchath Thora-Festes zu finden. Und in diesem Ritual wieder ist wohl der charakteristischeste Zug das Element der Wehmut, das hereingebracht wird durch die Trauer um Moses Tod, wie er im letzten Kapitel des Deuteronomiums erzählt wird. In einem Manuskript, das ich selbst besitze, wird die begleitende Hymne geradezu eine Kinah genannt — also ein Klagelied13). Ja, noch mehr: unter den Ehrenämtern des Tages befanden sich auch die der zwei „Mekonenim" oder Trauernden, deren Pflicht es war, bei der Erzählung vom Tode des großen Propheten zu wehklagen; und in der gedruckten Liturgie befindet sich auch ein Abschnitt, der dazu bestimmt ist, von ihnen vorgetragen zu werden14). Dieses Zurschautragen einer mechanischen Trauer weist vielleicht auf die. orientalische Herkunft des Brauches hin. Ja, wir haben sogar einen Beweis für diese Herkunft; denn aus einem Responsum des Gaon Hai in Babylonien geht hervor, daß es üblich war, am Simchath Thora-Fest Moses Tod zu betrauern, ja sogar als Zeichen der Trauer die Heüige Rolle aus dem Gehäuse zu nehmen15). Diese comtadinische Sitte steht also nicht vereinzelt da, sie hat ihre Entsprechung in Gebräuchen, die zur Zeit der Gaonim in Mesopotamien gang und gäbe waren. Hieher gehört wohl auch die Erwähnung der Tatsache, daß in Avignon das orientalische Kostüm sich verhältnismäßig lange erhielt und daß ein gewisser Prozentsatz arabischer Worte im lokalen judäo-provenzalischen Dialekt erhalten blieb16). Dies alles weist uns vielleicht darauf hin, daß die Judenheit des Comtat zum Teil babylonischen Ursprungs sei und daß sie bis in verhältnismäßig späte Zeit den Zusammenhang mit moslemmischen Ländern aufrecht erhielt. Schawuoth In Italien ist es noch immer üblich, zu Schawuoth einen kegelförmigen Kuchen zu backen, der „Berg Sinai" genannt wird. Früher war dies auch im Comtat gebräuchlich. Der Gedanke ist am Feste der Offenbarung naheliegend genug und braucht keinen besonderen gegenseitigen Einfluß zu verraten. Hiegegen ist es auffallender und interessanter,