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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1927-01-01 · 1 (1927) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
30 (1927)
Issue
1 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 12 (sequence 18)
Language
German
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12 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE zögert lange, seinen Onkel beim Gebet zu töten, aber schließlich werden die meisten der handelnden Personen in irgend einer Form ins Jenseits befördert. Nur zwei der Akteure bleiben am Leben: der König und ein Prophet. Bemerkenswert ist, daß der berühmte Monolog „Sein oder Nichtsein" hier in eine die russischen Juden behandelnde politische Erörterung umgearbeitet wurde. Auch „Lear" w7ird Jiddisch gegeben. Es war Adlers beste Rolle. „Wenn ich spiele," pflegte er zu sagen, „weint und schluchzt alles. Sie ist besser als bei Shakespeare." Adlers Biographie ist eine höchst fesselnde Variation des tragischen Themas „Künstlers Erdenwallen". 1855 in Odessa geboren, wandte er sich, da er zum Studium nicht taugte, dem Geschäfte zu. Nirgends hielt er es lange aus. Mit 18 Jahren spielte er dank der Güte eines reichen Onkels als Stutzer und Damenheld eine gewisse Rolle in Odessa. Er war einer der eifrigsten Besucher des russischen Theaters und in dem Kampf der Parteien auf der Galerie einer der bekanntesten Vorkämpfer des Realismus, so daß die Schauspieler um seine Gunst warben. Freunde, denen er seine Lieblingsszenen vortrug, rieten ihm, die Bühnenlaufbahn zu wählen. Damals, Adler zählte 23 Jahre, hörte er zum erstenmal von einem Jargontheater in Rumänien. Er hielt ein solches Unternehmen für aussichtslos. Als aber 1879 Goldfaden mit seiner Truppe nach Odessa kam und Adler Zeuge des Erfolges war, den offenbar weit weniger begabte Schauspieler errangen, da ließ er sich, obwohl damals in günstigen Vermögensverhältnissen, für den Beruf des Jargonschauspielers werben und ging mit Goldfadens Truppe auf eine Gastspielreise. Sein erstes Auftreten bedeutete einen gründlichen Mißerfolg. In Elisabeth grad, wo ihm ein Kritiker geraten hatte, der Bühne Lebewohl zu sagen, kam ihm die Offenbarung seiner Muse. Seine Kunst, die ihm bisher ein Spiel gewesen, wurde ihm ernste Arbeit. Adler spielte noch einige Jahre in russischen Städten und wurde dann selbst Direktor einer Truppe. Als 1883 Rußland dem Jiddisch-Theater verschlossen wurde, nannte auch er sein Unternehmen „Deutsches Theater". Das jüdische Theater in Kiew nahm zu dem Decktitel „Plattdeutsches" Theater seine Zukunft. iUs alle Ausflüchte nicht helfen wollten, ging Adler nach London. Dort verlor er sein ganzes Geld und wäre fast Hungers gestorben; Weib und Kind starben ihm, und in seiner Verzweiflung dachte er schon daran, seinen Beruf aufzugeben. Da entschloß er sich, nach Amerika zu gehen. 1887 kam er nach New York, wo damals bereits zwei jüdische Theater bestanden, so daß er es für geraten hielt, sich nach Chicago zu wenden. Ohne Erfolg. Er kehrte nach New York zurück, wo Mogulesco und

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