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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1927-01-01 · 1 (1927) · p. Seite 10

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
30 (1927)
Issue
1 (1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 10 (sequence 16)
Language
German
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10 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE führung erzählt, daß er in seinen Freundeskreisen als „Welwele Gannew" bekannt sei. Offiziell gilt er als ein „Mechitten" und „Gliedgeschwisterkind" der jungen Frau. Den genealogischen Titel begründet er damit, daß „ihr Seide und man Babbe liegen beide auf ein ßess hakworess", das heißt, daß ihre beiderseitigen Großeltern auf einem Friedhof liegen. Das Bild wird vervollständigt durch die alte Haushälterin Schifre, die gleich den Kindern die junge Frau als Eindringling betrachtet und bei aller Gutmütigkeit doch den Fehler hat, gleich dem Vater zu glauben, daß man den Idioten Lemach nur durch den Stock kurieren könne. Die Stiefmutter hat die Situation mit einem Blick richtig erfaßt. Lemach. den Idioten, gewinnt sie durch Leckerbissen und Liebkosungen. Alexander, „der Zweite", wie er sich nennt, wird durch „Welwele Gannew" zum Lebemanne erzogen, der die Vorgänge im Hause mit derselben Gleichgültigkeit betrachtet, wie Nana in Zolas „L'Assomoir" das Treiben ihrer Mutter. Lisa und Simon hat sie sofort aufgegeben. Sie müssen das Haus verlassen, und durch fortwährende Klagen bringt sie es bei ihrem Manne auch bald dahin, daß beide aus dem Hause gejagt werden. Simon findet durch Arbeit seinen Unterhalt, während Lisa, in der traditionellen Anschauung erzogen, daß ein Mädchen nur dazu da ist, verheiratet zu werden und zu jedem ehrlichen Gewerbe unfähig, moralisch verkommt. .. Hier liegt die soziale Tendenz des Stückes klar zutage, die allen Dramen dieses Genres eigen ist. Der Autor will zeigen, wie die heutige jüdische Jugend entartet, weil sie dem altjüdischen Ideal untreu geworden ist. Die Töchter glauben nicht mehr daran, daß für eine „baalbattische" Tochter die einzige Zukunft darin hegt, ein ehrsames Haus zu gründen. Die Söhne werden nicht mehr durch die religiösen Ideale ihrer Vorfahren in den Schranken der Ehrbarkeit gehalten. Ergreifend, wie das ganze Stück, ist ganz besonders die Schlußkatastrophe. Die Liebkosungen der Stiefmutter haben in dem armen Lemach das Feuer der Leidenschaft entfacht. Er sucht ihre Nähe, verbirgt in seinem Busen Bänder von ihr und andere Kleinigkeiten, die er andächtig küßt, und er, der wie ein kleines Kind winselt, wenn Gassenbuben ihn mit Schneeballen bewerfen oder wenn die Köchin die Peitsche über ihm schwingt, springt mit einem Indianergeheul auf, wenn ihm jemand diese seine Heiligtümer, seine „Zazku" heißt es im Stück, wegzunehmen versucht. Lange brütet er vor sich hin. Bald in Tobsucht ausbrechend, bald in Melancholie hinsiechend, bald in epileptischem Anfall sich windend, gelangt er endlich zu dem Entschlüsse, in einem

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