Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JIDDISCHE THEATER IN NEW YORK 9 Von den Jiddisch-Theatern (mit den umherziehenden elf) ist das „Peoples-Theatre" das modernste insofern, als es ein wenig dem Geschmack der umliegenden amerikanischen Tingel-Tangels seinen Tribut zollt, indem es von der Atmosphäre des amerikanischen Melodramas, das vor ihm in denselben Hallen gehaust, etwas geerbt hat. Aber auch Hauptmanns „Versunkene Glocke", „Sappho", „Quo vadis4' kann man hier in entsprechend verändertem Gewände über die Bretter schreiten sehen. Unter den Kräften des „Thalia-Theatre" ragten Frau Berta Kaiich1), David Kessler und Moschkowitsch hervor. An die Stelle des „Windsor-Theatre", an dem Prof. Hurwitz als Dramaturg wirkte, ist vor einigen Jahren das „Kaüch-Theatre" getreten, von Spachner geleitet, mit Sigmund Feinmann als erstem Charakterdarsteller. Feinmann hatte früher im Verein mit den Actricen Finkelstein, Edelstein und Feuerstein, einem mineralogischen Kleeblatt, den Glanz des „Roumania Opera House" gebildet, für das Lateiner gedichtet und Goldfaden komponiert hat. Das „Grand-Theatre" Jakob Adlers trat friedlich neben diese drei, denn jedes vertritt ja seine besondere konkurrenzlose Richtung. Es ist ein gefälliger moderner Bau in der Grand Street, der Hauptverkehrsader des Ghettos, die am Samstag Abend von flutenden Menschenwogen durchbraust wird. Ein Zug- und Kassenstück, in dem Adler seine Glanzrolle gab. war „Der wilde Mann", ein Bild von der Nachtseite des jüdischen Lebens in Rußland. Samuel Leiblich, dies ist die Fabel des „wilden Mannes'4, ein reicher Getreidekaufmann in Odessa, der aus seiner Ehe vier erwachsene Kinder hat, heiratet in zweiter Ehe eine jugendliche Frau, die behauptet, 24 Jahre alt zu sein. Obwohl ihre Stieftochter erklärt, die 24 Jahre seien nur „auf aan Saat" gezählt, ist sie immerhin jung genug, um den alternden Mann, den sie nur des Geldes wegen geheiratet hat, daraufhin zu bearbeiten, daß durch Entfremdung seiner Kinder sein Vermögen in ihre Hände fällt. Die Kinder sind Lemach, ein schwachsinniger Junge, den der Vater durch Mißhandlungen zum völligen Idioten gemacht hat, Alexander, ein Tunichtgut, Simon, ein Gymnasiast, und Lisa, die von der Wiederverehelichung des Vaters am härtesten betroffene erwachsene Tochter des Hauses. Seide, die Stiefmutter, bringt ihren Hausfreund mit, der sich Wladimir Werebeyczyk nennt, aber sogleich nach seiner Ein- *) Inzwischen zur englischen Bühne übergegangen.