Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 29 (1926)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 596 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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Theater und Tanz in den italienischen Ghettis Von Dr. J. Z oller In der ersten Hälfte des Cinquecento waren die Musikspiele eine Zerstreuung der fürstlichen Höfe; später jedoch, und zwar gegen Ende des Jahrhunderts fingen derartige Spiele an volkstümlich zu werden. Während des Seicento erfreute sich das Theater besonderer Pflege bei Juden und Nichtjuden. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts erschienen in Rom zum erstenmal jüdische Musiker1). „Wie sehr die Juden an den künstlerischen Bestrebungen der Zeit teilgenommen, das zeigt unter anderem das Auftreten jüdischer Schauspielertruppen in Italien in dieser Zeit, deren Leistungen sehr gerühmt werden. Sanuto erzählt, daß am Abend des 4. März 1531 im Ghetto zu Venedig eine reizende Komödie von den Juden aufgeführt wurde. Bereits am 7. August 1549 begannen die Darstellungen der jüdischen Schauspieltruppe in Mantua. welche durch ihre vorzüglichen Leistungen und durch ihren genialen Leiter einen weiten Ruf erlangten und die mit kurzen Unterbrechungen bis in das Jahr 1605 dort fortgesetzt wurden"2). Das 17. Jahrhundert bezeichnet ein Crescendo im Hang zur Schauspielkunst. „Die italienischen Juden müssen, wie schon ihre Ahnen zur Zeit der alten Römer, bedeutende schauspielerische Talente besessen haben. Leone Ebreo (Jehudah Sommo-Portaleone) war praktischer Dramaturg und Theaterregisseur in Mantua. Diese Gemeinde lieferte aus ihrer Mitte eine Schauspielertruppe für den Hof, deren Gehalt letzterer der ersteren niemals ersetzt, während in beziig auf die Aufführung die genaueste Rücksicht auf Sabbat und Feiertag genommen wurde"3). Mantua im 16. Jahrhundert und Venedig zu Beginn des Seicento waren die Hauptkreise, in denen die Juden ihr Interesse für das Theater mehr als überall bekundeten. In Venedig gab es im Ghetto „ständige Schauspielhäuser," die von Jung und Alt, Männern und Frauen in hellen Haufen besucht wurden. Die Mädchen, besonders die spanischen, wurden von jüdischen Lehrern in Tanz und Musik unterrichtet. Man sang im Chor, man spielte Instrumente, man tanzte. Im Jahre 1609 wurde Rachel, eine berühmte Sängerin, in alle Häuser der Vornehmen eingeladen. Leo (Modena) selbst lernte in seiner Kindheit Tanz und Musik und soll einmal eine Musikkapelle dirigiert haben"4). — Allein schon im Jahre 1625 verbot die Inquisition, daß „Juden und Christen gemeinsam maskiert an den Theatervorstellungen zur Zeit des Karnevals teilnehmen"5) Jüdischerseits klagte R. Asarjah Picchio, daß es einen Rabbiner gebe, der den Theaterbesuch als eine vom religiösen Standpunkte aus erlaubte Sache erklärte6). Sein Mahnruf verhallte unbeachtet. Gegen jedes gesellige Zusammenleben von Juden und Christen trat später die Inquisition mit Strenge auf. Im Jahre 1754 sollten ein Christ und sieben Juden durch Peitschenhiebe bestraft werden, weil der Christ zu Ehren der Juden einen „Festimo" veranstaltet hatte7). Das Jahr 1775 brachte den „Editto sopra gli Ebrei", der von Berliner als das schwärzeste Blatt in der Geschichte der Menschheit"8) bezeichnet wird. In einem Lande, das in so viele Kleinstaaten zerstückelt war, konnte es leicht vorkommen, daß, während die einen weinten, die anderen heiterer Stimmung waren. Die Verfolgungen und Erniedrigungen machten sich einmal hier, ein andermal anderswo fühlbar. Carpe diem! Während die Judenschaft in Rom Tage der Trauer verlebt, verbringen die Juden in Görz und Siena, des Morgens ungewiß, heitere Tage. Ein Blick ins Ghetto zu Görz genügt. Städtische Archivstücke aus den Jahren 1767 bis 1838 berichten folgendes: Am 9. März 1767 bittet Abraham Vita Morpurgo den Magistrat, „er wolle der Jugend unseres Ghetto gestatten, anläßlich der Purimfeier eine Komödie zu geben und ein Tanzfest abzuhalten". Am 10. März erwiderte die Behörde: „Das kann