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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 561

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
29 (1926)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
Seite 561 (sequence 17)
Language
German
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DER BÖSE BLICK 561 An anderer Stelle wird ausdrücklich gesagt, daß Josef über dem Auge stehe, ihm daher nicht ausgesetzt sein kann60). Bei der Aufteilung des eroberten Heiligen Landes gibt Josua den Söhnen Josefs den Rat, in den Wald zu ziehen, weil sie ein großes Volk bilden und dort Schutz vor dem bösen Blick finden werden. Sie aber lassen sich nicht so leicht abspeisen und berufen sich auf ihre alte, von ihrem Stammvater ererbte Immunität61). Der kleine Sohn R. Hamnunas, eines der kabbalistischen Wunderkinder, hält den Gästen seines Vaters einen Vortrag, bei dem auch die glückliche Mutter zugegen ist. Als die Gäste vor Entzückung das Kind küssen und loben, spricht die Mutter: „Ich bitte euch, meine Herren, betrachtet mein Kind mit gutem Auge!" Kaum aber wollten sie die besorgte Mutter beruhigen, als das Kind sagte: „Ich fürchte den bösen Blick nicht, denn ich bin der Sohn eines großen und teueren Fisches, und Fische brauchen den bösen Blick nicht zu fürchten62) 64. Der erwähnte R. Jochanan war eine gefeierte Schönheit. Wenn man sich diese vorstellen will, so nehme man einen silbernen Becher aus der Werkstatt des Polierers, fülle ihn mit den Kernen des roten Granatapfels, umgebe den Rand des Bechers mit einem Kranze roter Rosen, stelle ihn zwischen Sonne und Schatten: sein leuchtendes Strahlen gibt die gewünschte Vorstellung63). Einst fragten ihn die Kollegen, ob er sich nicht vor einem bösen Blick fürchte. „Nein," antwortete er, „denn ich stamme von Josef ab, dessen Nachkommen der böse Blick nicht schadet64)." Auch von einem arabischen Dichter wird berichtet, daß er wegen seiner Schönheit aus Furcht vor dem bösen Blick einen Schleier tragen mußte65). Wie den Söhnen Josefs die Erklärung einer Bibelstelle zum Schutze gegen den bösen Blick oder — um mit Seligmann zu reden — zum Blickabieiter dienen kann, mit demselben Rechte erhebt auch sein Bruder Benjamin Anspruch auf dieselbe Immunität und nicht ohne Erfolg. Mose segnet ihn mit den Worten, er sei ein Liebling Gottes und wohne sicher bei ihm (Deut. 33, 12). Was kann hiemit sonst gemeint sein, als daß er sich wie Josef vor dem bösen Blicke sicher fühlen dürfe. Zwar kann er sich nicht auf solche Verdienste berufen, aber auch ihn leitet das gute Auge der höheren Vorsehung66). Sind nun diese beiden Stämme dem bösen Blicke nicht unterworfen, und kann an der Tatsache, daß 99 Prozent der Menschheit vom bösen Blicke sterben, nicht gerüttelt werden, so müßten diese glücklichen Abkömmlinge verdienstvoller Ahnen, wenn schon nicht ewig, so doch verhältnismäßig länger als ihre Nebenmenschen leben. Die Schwierigkeit wird so behoben, daß man diese Günstlinge auf das übrigbleibende eine Prozent entfallen läßt67). Zu diesem Ausnahmen gehört auch der Prophet Jeremia. Als er zur Welt kam, machte ihn seine Mutter aufmerksam, er möge sich ruhig verhalten, damit ihn kein böser Blick treffe. Er aber beruhigte seine Mutter, der böse Blick habe über ihn keine Macht68). Es gibt noch andere glückliche Menschen, denen der böse Blick nicht schadet. Wem zum Beispiel vor dem Sohne eine Tochter geboren

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