Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
29 (1926)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
Seite 560 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2638044-2638109-2638110--3146-2641358
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

560 MENORAH der vom Blicke R. Jochanans vor der Zeit ins Grab gesunken war52). Die Weisen und Gelehrten besaßen ohne Ausnahme die Kraft, mit ihrem Blick Unglück hervorzurufen oder besser: zu strafen; anderen Menschen war sie nur ausnahmsweise angeboren. Es gab aber auch Mittel, mit denen man sich diese Eigenschaft aneignen konnte. So wird zum Beispiel von einer Frau erzählt, sie hätte sich mit Leichenfleisch genährt, und als ihr Mann sie darüber zur Verantwortung zog, blickte sie ihn an und er verwandelte sich in einen schwarzen Hund53). Auch Schlangen gibt es in irgend einem Tal, wohin außer Alexander dem Großen noch kein Mensch gelangt ist, die mit ihrem Blicke töten. Alexander ließ Spiegel holen und ließ die Schlangen hineinblicken, so daß sie durch den eigenen Blick den Tod fanden54). Noch vor Alexander hatte bereits Bileam mit diesen Schlangen Bekanntschaft gemacht, ohne sie zu töten. Er hörte schon beim Auszuge Israels aus Ägypten, daß man mit Zauber diesem Volke nicht beikommen könne. Er scheute daher weder Mühe noch Gefahr und reiste nach den finsteren Bergen, wo unter der Leitung der gefallenen Engel Aza und Azael eine Menge Schlangen lagern und sich ausschließlich mit Zauberkünsten befassen. Nach einem Kurs von 50 Tagen kehrte Bileam zurück, aber Gott warf alle seine neuen Kenntnisse über den Haufen55). In einem babylonisch-assyrischen Zaubertext heißt es: Wenn am ersten Tag des Monates Nisan, bevor ein Mensch seinen Fuß vom Bette auf die Erde setzt, eine Schlange zum Vorschein kommt und sie, bevor der Mensch sie anblickt, den Menschen sieht, so wird er innerhalb jenes Jahres sterben. Um am Leben zu bleiben, muß er den Kopf verstecken und ihr die Seiten aufschlitzen. Drei Monate lang wird er leiden, doch dann genesen56). Der Stamm Josef hat vor allen lebenden Wesen den Vorzug, daß er gegen den bösen Blick gänzlich gefeit ist. Diesen Vorzug erwarb er sich schon, als Esau mit seinem Gefolge kam, um an Jakob Rache zu üben. Da stellte sich Josef vor seine Mutter, damit sie Esau nicht mit dem bösen Blicke treffe. Weil er nun seine Mutter vor dem bösen Blicke geschützt hatte, erhielt er zum Lohne die Versicherung, daß auch ihm und seinen Nachkommen der böse Blick niemals schaden werde57). Man sagt, Josef sei bei dieser Gelegenheit um soviel höher gewachsen, als nötig war, seine Mutter dem Blicke Esaus zu entziehen. Die Mystik aber läßt ihn um sechs Ellen höher und um ebensoviel breiter werden. Rachel vergaß ihrem Sohne diese Opferwilligkeit nicht. Als Bileam seinen Blick auf ihre Kinder richtete, da eilte sie herbei, breitete ihre Fittiche aus und beschützte ihre gefährdeten Kinder58). Außerdem erhebt Josef gerechten Anspruch auf Immunität gegen den bösen Blick, weil er dem verführerischen Blicke der Frau Potifars widerstanden hatte. „Ein Auge, das nicht genießen wollte, was ihm nicht gehörte, ist vor dem bösen Auge geschützt59)." Im Segen Jakobs wird dem Stamme Josef dieser Vorzug zweimal zugesichert. Einmal wird er mit den Fischen verglichen. Und wie diese kein böser Blick treffen kann, da sie im Wasser überhaupt dem Auge entzogen sind, so kann auch die Kinder Josefs kein böser Blick treffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.