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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1926-01-01 · Heft 1 · p. Seite 562

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
29 (1926)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
Seite 562 (sequence 18)
Language
German
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562 MENORAH wird, der ist gegen den bösen Blick geschützt. Die Ursache scheint darin zu liegen, daß nach jüdischem Erbrecht der erstgeborene Sohn auf das doppelte Erbteil Anspruch hat, wodurch er sich den Neid der Geschwister zuziehen mochte. Ist aber das erste Kind ein Mädchen, so erhalten alle Geschwister gleiche Teile69). Sonst aber ist jedes lebende und leblose Wesen, Mensch und Tier, Pflanze wie Mineral, der Gefahr des bösen Blickes ausgesetzt, und so mußte man für präventive Maßregeln einerseits und für entsprechende Mittel anderseits sorgen, um das schon hereingebrochene Unglück abzuwenden. Solchen Vorkehrungen sind wir schon bei den Patriarchen Abraham und Jakob begegnet. Als Israel in der Wüste wanderte, umgaben es vier Wolken an den vier Himmelsgegenden, um es vor dem bösen Blick zu schützen70). Ein König veranstaltete bei der Verlobung seiner Tochter eine solche Feierlichkeit, daß sie vom bösen Blick getroffen wurde. Zum Hochzeitstage gab er ihr ein Amulett mit den Worten: „Trage dieses Amulett, damit dir der böse Blick nicht schade." So geschah es auch mit Israel. Bei der Offenbarung veranstaltete Gott eine große Feier. Da traf Israel der böse Blick und die Tafeln wurden zerbrochen. Als Israel das Heiligtum errichtete, gab ihm Gott zuvor den Segen, um es vor dem bösen Blick zu schützen. Darum heißt es: „Gott segne dich und beschütze dich", das heißt vor dem bösen Blicke71). Von Mose sagt die heilige Schrift (Nu. 12, 1) daß er eine Äthiopin zur Frau hatte. Damit soll nicht ihre Häßlichkeit, vielmehr ihre Schönheit hervorgehoben werden, denn auch ein schönes Kind nennt man einen Mohr, um es vor dem bösen Blick zu schützen72). König Saiomo hatte zwei Schriftführer, Elichoref und Achija, die wegen ihrer Schönheit Äthiopier genannt wurden, und noch heute werden die schönen Kinder gewöhnlich mit körperliche oder geistige Mängel andeutenden Kosenamen angesprochen, zum Beispiel Esel, Affe usw.73). Der Patriarch R. Simon b. Gamliel suchte kein Schutzmittel, sondern wollte einfach nicht erlauben, daß sein Sohn und späterer Nachfolger R. Juda aus der Reihe der Schüler zum vortragenden Lehrer erhoben werde, um ihn nicht dem bösen Blick preiszugeben74). Man kann ein Kind auch dadurch vor dem bösen Blick behüten, wenn man in die Höhe blickt und an Gott denkt, der Ursache der Schönheit, des Reichtums und der Kraft ist. Im kritischen Augenblick ist es ratsam, den Kopf des Kindes schnell mit einem Tuche zu bedecken75). Das bequemste Abwehrmittel bestand und besteht noch heute darin, daß man bei Bewunderung irgend einer Person oder Sache das Wort „unberufen" oder „unbeschrien" oder auch „kan ajin höre" hinzufügt. Vielleicht vom soeben erwähnten R. Gamliel wird erzählt, daß er eine schöne Heidin sah und dabei die Eulogie sagte, welche man beim Anblick einer Naturschönheit zu sagen pflegt. Dies sei zwar unerlaubt in diesem Falle, aber er sagte ja nicht „abaskanta" (unberufen)76). Frauen trugen Knoten oder Perlenschnüre am Halse, um den bösen Blick von sich abzuwenden. Sie durften damit am Sabbat nicht auf die Straße gehen, auch nur solche Amulette tragen, die von der Hand eines

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