Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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— 97 — bis zur letzten Seite ganz köstliche Buch gehört freilich nicht in das Gebiet der Volks-, sondern das der Lebenskunde. Doch wird jeder, dem die Geschichte der jüdischen Pädagogik, von der Bibel angefangen, gegenwärtig ist, hier auf Schritt und Tritt auf Grundsätze stossen, die ihm aus jenem Kreise geläufig sind. So schon die Losung: Nicht Wissensschule, sondern Gewissens- und Charakterbildung! Wie meisterhaft sind die einzelnen Lehrgegenstände in ihrer Nutzbarkeit für die Willensschulung gewertet! Dass die Erziehung schon im Säuglingsalter einzusetzen hatr die Warnung vor den „geheimen" Erziehern, die gerechte Forderung, dass, wie zu jedem Beruf, auch für den der Eltern eine Vorbereitung erforderlich sei, kurzum jedes Kapitel enthält eine solche Fülle kerngesunder Gedanken und wirksamer Anregungen — alle pädagogische Weisheit der Weltliteratur liefert gediegenes Ornament —, dass man um eine Auslese verlegen ist. Dass die Religion insofern nicht in die Staatsschule gehört, als jede Beziehung auf konfessionelle Besonderheiten (auch in Lesebüchern und dergleichen) streng aus dem Bereich des Unterrichts in den profanen Fächern zu verbannen ist, ist eine Forderung, mit der endlich einmal Ernst gemacht werden sollte. L. E. König, Das antisemitische Hauptdogma. Bonn 1914. A. Marcus und E. Weber. — Dieses rieft hält weit mehr, als es verspricht. Mit der Sicherheit des bewährten Meisters werden nicht nur die Scheingründe des Antisemitismus in ihrer Gegenstandslosigkeit aufgedeckt, sondern auch des Positiven wird so viel geboten, dass kein Freund des Alten Testamentes das Büchlein ungelesen lassen darf. A. Kopciowski, Die Entwicklungstheorie. Teil I. Entwicklung und Judentum. Berlin 1913, C. Boas Nachf. M. 2,—. Von streng konservativem Standpunkt aus wird hier die wichtige Frage des Verhältnisses zwischen dem Judentum und der modernen Naturwissenschaft behandelt. Uebersichtlich sind die Ergebnisse dieses ersten Heftes am Schlüsse zusammengestellt. Ein Urteil über diese Leistung lässt sich erst nach Abschluss der Arbeit fällen. In der Transkription wären einige Ungewöhnlichkeiten zu bemerken, statt Nazarener Christen zu setzen. Jacob Loewenberg, Aus zwei Quellen. Berlin 1914. Egon. Fleischel & Co. M. 4,—. Die Wiege dieses Moses Lennhausen, mit dessen Schicksalen wir hier bekannt werden, hat nicht weit von der Asmus Sempers gestanden. Sie stehen auch an Wert keiner dem anderen nach. Dass Lennhausen Jude ist und diese seine Herkunft die Katastrophe in seinem äusseren Lebensgange herbeiführt, dass vor allem mit dem Blick eines Dichters das Judentum seines Elternhauses erfasst und mit der Feder eines Meisters dargetellt wird, lässt ihm für uns besonders reizvolle Seiten abgewinnen. Lebensfreude und liebenswürdige Zurückhaltung, kernige Tüchtigkeit und offener Bekennermut kennzeichnen den Helden, der auch, ohne Schönfärberei, um so lichter hervortritt, je düsterer, ohne Schwarzmalerei, d3r Hintergrund gehalten werden musste. Dieses Einzelschicksal spiegelt getreu die typische Misere des jüdischen Schulamtskandidaten in Deutschland wieder. Das Buch gehört unbedingt zu den besten unserer neueren jüdischen Erzählungsliteratur. Es zeigt uns, was die Mischung aus zwei Quellen, aus Judentum und Deutschtum, ergibt, und reiht sich würdig dem an, was Auerbach und Rodenberg in ihren Selbstbekenntnissen uns hierüber wissen lassen. M.