Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2638044-2638104-2638107--1586-2641296- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
— 89 — Gay a, den 30. Juli 1812. Teuerste, meinem Herzen vielgeliebte Hendelleben (100 Jahre sollst Du erleben, Amen)! Gottlob, die Reise nach Gaya ist gut vonstatten gangen, und meinem Freund Lemelsfeld hab ich in Brünn getroffen. Denselben Tag, wo ich den zärtlichsten Abschiedskuss von Dir genommen hab, bin ich bis Czaslau, den andern Tag bis Iglau, den dritten nach Schwarzkirchen, und Freitag früh um 8 Uhr war ich in Brünn angelangt. Da blieb ich einige Stunde und erkundigte mich bei die Policien wegen meine Sachen in geheim, wie die Leute imstande sind. Auf jeden Fall machten sie mir gute Hoffnung. Darauf nahmen wir unser Reise nach Austerlitz auf Schabbos, welchen wir da festiglich feierten und öfters Deine Gesundheit aus grossen Becher zu bringen von den besten Wein, welcher hier sehr wohlfeil ist. Die Maass kostet von alte 24 Kr., der junge 10, auch zwölf und noch wohlfeiler. Sonntag Mittag trafen wir in Gaya ein und kehrten zum Schwarzen Adler ein. Mein Zimmer war gleich voll von sehr liebe Stabspartei. Alle freuten sich herzlich, besonders der gute Herr Adjutant von Knis, und wie ich ihm meine Meinung sagte, nach Polen zu reisen, gab er mir Brief mit an seinen Bruder und nach Lemberg die beste Recommandatione. Eben kam der Befehl ans Regiment, nach Wien zu marschieren. Den 5. marschiert es von hier ab. Der Kinsky ist schon wirklicher Oberst1), und der Schlotheim geht zu ein andern Regiment, der Rechnungsführer hat schon quittiert, und der Schmuttermaier hat Pension erhalten, und der Firs (Fürst?) kommt zu ein Husarenregiment nach Ungarn. Kriegerische Nachrichten sind dahier zu hören. Wie bei uns man spricht, das französische Hauptquartier wäre schon in Wilna oder Riga. Davon künftig ein Mehreres. Teuerste Hendelleben, ich bitte Dich, mir nur bald zu schreiben von Deiner Gesundheit und das nach Lemberg an mich, die Adresse Joseph Kraus postrestante. Übrigens, mein Hendelleben, lass Dir nicht bange sein und befolge meinen Rat und begeb Dich zu mein Mamaleben (100 Jahre soll sie erleben, Amen!). Grüsse mir alle in meinem Namen, die ganze liebe Familie, besonders den Herrn Bischitzky und seine werte Frau und Tochter Demoiselle Therese. Von Olmütz werde ich ihm sichere Nachrichten von Wein melden. Mein wertesten R. Josel und seine werte (Frau) und Familie küsse ich und grüsse alle meine gute Freunde. Dein Dich bebender Mann Joseph Kraus. Hendelleben, ich bitte Dich noch einmal, meinen Rat zu befolgen und küsse Dich unaufhörlich. Sei beruhigt und sorge nicht. Der Oliva reist von hier nach Wien. Grüsse mir mein teuerste Mamaleben und Bruder samt mein Schwägerin und Schwestern und Schwager, p—z—g. *) Vgl. Regimentsgeschichte S. 140.