Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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— 86 — retten wäre. Doch alles war verloren. Und das Teuerste, das ich mit Aufgebot meines Lebens hätte retten wollen, lag entseelt vor dem brennenden Hause auf dem Rasen, ihr zur Seite eine Freundin. Verzweifelnd, mit ringenden Händen, gebrochenen Herzens, die armen Eltern vor dem toten einzigen Herzenskinde und meiner Herzensfreundin; sinnlos, ohnmächtig starrte ich mein entrissenes Glück an. unvermögend, Worte des Schmerzes zu stammeln. Der Schmerz der Eltern konnte sich nur mit dem meinen messen. Kein Trost war für unsere Leiden. Zufällig lernte ich bei einem Einkauf ein junges Mädchen kennen, das mir gefiel. Und auf Bitten meiner Mutter, die den Rest ihrer Tage nicht vereinsamt sein wollte, hielt ich bei der Mutter dieses Mädchens um dessen Hand an, und mit Einwilligung des Regiments- Kommandos führte ich diese meine jetzige Gattin heim. In den Flitterwochen sehnte ich mich, der teueren Mutter, deren sehnlichstem Wunsche gemäss, meine junge Frau vorzustellen. Es war in strenger Winterszeit, als ich mein Vorhaben auszuführen Anstalten traf. Da der Schnee in bedeutender Höhe das ganze Land bedeckte, war es geratener, die eine Tagereise entfernte Heimat mit Schlitten aufzusuchen. Am frühen Morgen traten wir mit einem guten, sicheren Pferde, das zu lenken ich der Sicherheit wegen nicht anderen anvertraute, die Reise an. Vor Eintritt der Finsternis gedachte ich an Ort und Stelle zu sein. Es ging anfangs vortrefflich. Doch als wir einen bedeutenden Teil des Weges zurückgelegt hatten, fielen Schnee und Flocken derart, dass wir das Geleise auf dem Fahrwege neu durchbrechen mussten. Unser Pferd war ermüdet, es fing zu dunkeln an, ein dichter Nebel und fallender Schnee umhüllten unseren Gesichtskreis. So ging es geraume Zeit über Gräben, Stock und Stein, woraus ich erkannte, dass wir vom Wege abgekommen waren. Doch endlich fuhren wir ununterbrochen auf einer Ebene, hoch vom Schnee bedeckt, wo jedoch vorher kein altes Fahrgeleise zu verspüren war. Nach langer Zeit bemerkte ich mit einem Male einige Schritte vor mir einen schwarzen Fleck und ich hielt an, stieg vom Wagen ab. Kaum hatte ich einige Schritte getan, als ich erkannte, in welcher Gefahr wir schwebten. Wir standen auf einem grossen Teich nahe am Platze, wo eine tiefe Quelle dem Einfrieren widerstand. Ein Grausen fuhr durch meine Glieder ob der Gefahr. Ich dankte dem Herrn, der mich beschützt!1) Nachtrag. Zwei Briefe aus dem Jahre 1912 (Originale jüdisch-deutsch). An Madame Kraus, Brandeis.2) Sedlitz, den 22. Oktober 1812. Teuerste, meinem Herzen vielgeliebte Hendelleben (hundert Jahre sollst du leben, Amen)! Unterm Donner der Kanonen hab ich Dein mir teueren Brief *) Hier bricht die Autobiographie ab. 2) Dieser Brief ist als der historisch wichtigere vorangestellt.