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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1914-01-01 · 3 (1914) · p. Seite 84

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
17 (1914)
Issue
3 (1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 84 (sequence 20)
Language
German
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— 84 — auf unserem Marsche, dass wir in Dijon stationierten, für die Cavallerie waren jedoch nicht genug Stallungen zur Unterbringung der Pferde aufzubringen. So mussten denn auch Kirchen zur Unterbringung der Cavallerie benutzt werden. Auch der Tempel der in Dijon ansässigen Jüdischen Gemeinde wurde hierzu bestimmt zum Schrecken und Leidwesen der Juden, da es keinen anderen Tempel gab. Der Vorsteher der Gemeinde brachte in Erfahrung, dass an der Leitung der Verpflegungsbranche ein Jude, namens Kraus, sey. Es währte nicht lange, so erschien der Obere der Gemeinde in meiner Behausung, mit dem Anliegen, durch meine Verwendung beym Commandanten zu erwirken, dass der einzige Tempel von der Cavallerie-Bequartierung befreyt werde. Obwohl ich von den unausgesetzten Tag- und Nachtmärschen mir durch Erkühlung ein Unwohlseyn zugezogen hatte, unterliess ich es nicht, durch meine Fürsprache beym Commandanten dem Wunsche der Gemeinde zu entsprechen, dass der Tempel befreyt wurde. Es war vor dem herannahenden Purimfeste, als der Vorsteher und die Ältesten der Gemeinde sich bey mir mit einer Danksagung für die Befreiung einfanden, mit dem Ansuchen des Vorstehers, eine Einladung zum bevorstehenden Purimabend anzunehmen, was ich dankend annahm. Inzwischen erkrankte ich aber und mein Leiden verschlimmerte sich derart, dass ich meiner Zusage und dem Wunsche des Vorstehers nicht entsprechen konnte. Demzufolge liess mich der Vorsteher in einer Sänfte abholen, er räumte mir in seinem Hause eine Wohnung ein, wie ich selbe nicht schöner, bequemer und besser haben konnte. Ich wurde von allen Seiten aufs liebevollste gepflegt, mit allen möglichen Erquickungen ängstlich gewartet bis zu meiner vollen Genesung, da ich auch wesentlich der ungewöhnlichen Pflege zu verdanken hatte. Habe zu bemerken, dass am Purimabend der Vorsteher, mein Gastgeber, an mich die folgende Frage stellte: „Monsieur, voulezvous entendre la Megilla?", was ich bejahte. Demzufolge erschien der Cantor und las mir im Beisein mehrerer Gemeindemitglieder die Megille, während ich mit meiner Krankheit, der roten Ruhr, erschöpft daniederlag. Es währte längere Zeit, bis ich mich wieder von meiner Ermattung und öfteren Besinnungslosigkeit aufraffen konnte. In meinem oft bewusstlosen Zustande hatte ich mich oft gegen die kleinen Kinder mit schimpflichen und fluchenden Auslassungen vergangen, die im benachbarten Zimmer in ihren Holzschuhen mir die Ruhe störten. Auf das hilfreiche Herbeieilen des Herrn und seiner Frau mit der Frage: „Que desirez-vous, Monsieur?" hatte ich zur Antwort in meinem Delirium die schimpflichsten Ausdrücke in meiner Muttersprache Par. (ech?), Cek. (?) usw. Doch war ich bei meiner Genesung recht froh, dass ich in einer für meine Pfleger unverständlichen Sprache mich ausdrückte. Es verging kein Purim, wo ich mich nicht lebhaft jener Ereignisse erinnert hätte.

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