Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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— 81 — auch die Reise nach D. machten. Jeder hatte auch, ausser seinem Gepäck, sich mit dem nötigen Mundvorrat an Osterspeisen vorgesehen, indem auf dem Schiffe derartiges nicht zu haben seyn konnte. Doch unerwarteter Weise erhob sich nach mehrstündiger Fahrt ein Contrewind, wo die Segel eingezogen werden mussten und sich das Schiff trotz aller Anstrengung der Ruderer kaum sichtlich vorwärts bewegte. Am dritten Tage hatten wir kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, und vom mitgenommenen Mundvorrat war nur bey grosser Diät der letzte Rest für die weitere Reise aufgezehrt. Ueberdies hatte ich nicht im vorhinein erwogen, dass eine Wasserreise mehr Hunger anrege. Die natürliche Folge, dass der Hunger nächsten Tages gewaltig an mir nagte. Obwohl auf dem Schiffe allerley Esswaren an Bord zu kaufen waren, konnte ich mich doch nicht entschliessen, eine nicht ostermässig rituelle Kost zu gemessen. So eingewurzelt war noch die aus meinem Vaterhause anerzogene jüdisch-rituelle Lebensweise. Einen Tag konnte ich noch den Hunger ertragen, doch die folgenden schwanden meine Kräfte. Den mitreisenden polnischen Juden entging das nicht. Obwohl selbe auch nicht mit ausreichendem Mundvorrat für die verzögerte Reise sich vorgesehen hatten, teilten mir selbe mit eigener Entbehrung von ihrem zur Nege gegangenen Vorrat täglich doch so viel mit, dass ich sozusagen das Leben erhalten konnte. Am 6. Tage bey Anlangen des Schiffes war ich derart vom Hunger ermattet, dass ich ins nächste jüdische Kosthaus gestützt geführt werden musste und nur vorsichtig ein wenig Suppe zu mir nehmen durfte. Annoch will ich nicht unterlassen, ein für mich geschäftliches Abenteuer mitzuteilen, eine Gefahr, der ich, dem Himmel sei Dank, entronnen bin. Es war dies, als ich abermlas eine Reise auf der Weichsel mittels eines grösseren Schiffes zu machen veranlasst war. Auf dem Schiffe befand sich eine gemischte Gesellschaft, darunter auch ein Handwerksbursche, der sich mir gesellig näherte, und mir während der Reise eine gewisse Intimität aufdrängte und mich stets von der Gesellschaft abzuziehen beabsichtigte. Doch ich schenkte einer solchen freundschaftlichen Annäherung kein Vertrauen und zog mich von seiner Gesellschaft aus Instinct zurück. Tags darauf erfuhr ich, vor welcher Gefahr mich eine Vorsehung geschützt hatte.( Jener Wicht hatte einen anderen jungen unerfahrenen Menschen, der sein Reisegepäck mittrug, am äussersten Ende des Schiffes, wo er sich unbemerkt glaubte, über Bord in den reissenden Strom gestürzt und sich des Gepäckes bemächtigt. Bei Entdeckung der Tat sah ich, welcher Gefahr ich entronnen war. In meinem adoptirten Geschäfte mit optischen Waren, worin ich mich bereits fröhlich hineingearbeitet hatte, und mit dem Ertrage bey meinen bescheidenen Ansprüchen und Lebensweise auch zufriedengestellt war, hatte ich ein Stück Welt bereist und Erfahrungen gesammelt und Menschenkenntnis erworben.