Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 80 — einem Familiengliede nach ländlicher religiöser Sitte, ganz verschieden von unserem Brauche gegeben. Ungeachtet ich mich von der religiösen Handlung wirklich andächtig hingezogen fühlte, konnte ich micK dennoch bey einer religiösen Einführung nur mit Mühe des Lachens enthalten. Um den Durchgang der Israeliten durch das Rote Meer zu veranschaulichen, brachte die Hausfrau eine Kanne Wasser und schüttete selbe in der Mitte des ungedielten Bodens aus. Der Baibus1) nahm sodann ein Bündel und Staab über den Rücken und schritt durch das ausgeschüttete Wasser. Dies zum Andenken und zur Verdeutlichung des Durchganges durchs Rote Meer beim Auszuge aus Egypten. Nach Beendigung dieser Zeremonien, nachdem man sich die Hände gewaschen und Meuze2) gemacht hatte, wurde eine grosse Schüssel Suppe aufgetragen. Es ist etwas Eigentümliches, dass die jüdischen Hausfrauen (Balbuste) eine besondere Auszeichnung darin suchen, in der Bereitung der in dieser Suppe bereiteten Fleischknödel sich hervorzutun und eine Auszeichnung zu suchen und demzufolge von den geniessenden Gästen auch das Lob über das Gelingen dieser Küche erwarten, und worauf sich so mancher jüdische Gourmant tatsächlich sehnsüchtig freut. Wenn ich auch kein Gourmant war, sehnte ich mich doch aus heimatlicher Erinnerung nach dem Anblick und Genuss dieser Knödel. Ich blickte neugierig auf den Grund der grossen mit Suppe gefüllten rauchenden Schüssel und erblickte am Grunde eine ausgiebige Zahl kleiner schön gerundeter eigelber Knödelchen, durch das Gelbe wohl verlockend, jedoch unähnlich dem sonst fleischfarbigen Aussehen. Und dies machte mich recht neugierig; diese für mich neuartigen Knödelchen, ähnlich wie aus Eiern bereitet, zu versuchen, wässerte mir der Mund. Doch wie war ich enttäuscht, als ich beym ersten Eingriff anstatt der erwarteten Knödel nur kleine Erdäpfel fand. O welche Armut und Entsagung, dachte ich in meiner Kindlichkeit bey mir und anstatt Osterknödel in der Suppe nur pure Erdäpfel. Doch ich begnügte mich zwey der ersten Ostertage bei dieser ehrlichen frugalen Kost, denn ich war doch sehr zufrieden, da ich das Bewusstsein hatte, eine unzweifelhafte jontewige Kost zu geniessen. Anders zu handeln, hätte ich ja damals geglaubt, könnte für mich nicht möglich seyn, um von Gewissensbissen als frommer Jude frey zu seyn. Ja ich gebe noch mehr Beweise, wie unerschütterlich ich festhielt an der mir im heimatlichen Hause anerzogenen religiösen Lebensweise (nach damaligen Begriffen). Nach Ausgang des 2. Tages setzte ich meine Reise in der Richtung nach Danzig und zwar zu Schiffe auf der Weichsel fort. Für die Schiffsreise, welche 2 Tage andauern sollte, hatte ich mich mit echt österlichem Proviant vorgesehen. Auf dem Schiff, mit dem ich fuhr, fand sich auch eine Zahl polnisch-jüdischer Handelsleute, welche *) Hausherr. 2) Segensspruch über das Brot.