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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1914-01-01 · 3 (1914) · p. Seite 79

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
17 (1914)
Issue
3 (1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 79 (sequence 15)
Language
German
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— 79 — ausgeplündert zu werden, ja oft in Lebensgefahr, da nicht nur verwilderte Wegelagerer, Pustahirten, ja auch noch zu jener Zeit Wölfe das Reisen oft gefährlich besonders für den einzelnen Fussgeher machten. Wie unsicher und belästigt jenes Land infolge Bären, aber besonders der Wölfe war, möge folgende Begebenheit darthun. Auf meiner Reise war ich genötigt, bey Winterszeit bey einbrechender Nacht in einer Mahlmühle nächst einer einschächtigen Kjzma einzukehren und dort zu übernachten, nachdem ich zum Nachtmahle eine Quassuppe (Suppe aus Sauerteig und Milch) mit Burak (gesäuerte Rübe) und schwarzes Brot zu mir genommen hatte, da ausser Speck und Polene (Branntwein) nichts anderes zu haben war; auch von der Wirtin selbst bereitetes Bier, doch nur für besondere Gelegenheiten. Da ich von der Fussreise im tiefen Schnee und Frost ermüdet war, suchte ich bald mein Lager auf, das aus Erbsenstroh verwendet wurde, welches auf dem Fussboden dick gelegt zum Nachtlager diente. Die Decke hatte ich aus Reinlichkeitsgründen gerne entbehrt, überdies die Wirtin nicht unterliess, oft in den grossen Ofen der Stube ganze ungespaltene Holzstücke hineinzuschieben, soviel die weite Oeffnung der Herdfläche zuliess, und ausser der Stube im Vorbau (oder Hausflur) sich befand und so von Zeit zu Zeit das Feuer unterhielt. Ich mochte etwa kurze Zeit in festem Schlaf verfallen seyn, als mich ein Poltern und Schreyen an der Tür erschreckte. Dies war nichts anderes als ein Wolf, der seinen Besuch abstattete, um sich seinen Hunger zu stillen, doch vor der mutigen Wirtin mit einer bereitstehenden Ofengabel nach kurzem Widerstand und erhaltener Blessur das Weite suchen musste. Ich hörte noch den Ruf der Wirtin: Wilceck, Wilceck! (Wolf!). Ich muss gestehen, dass ungeachtet des Verpönens ich mich stets behaglich fühlte, eine jüdisch Kazda erreicht zu haben oder sonst einen Juden in seiner Hütte im Dorfe. So übelgezeichnet auch der polnische Jude bey uns erscheint, hätte ich doch viel des Guten von demselben mitzuteilen, besonders gegen den fremden Glaubensgenossen, was ich unter anderen Erfahrungen als Beleg anführen will. Es war zum ersten Abend an Osterfeyertagen, ich konnte trotz Anstrengung nicht die nächste Stadt erreichen, um, wie ich es gewünscht, in einer Gemeinde die Feyertage zu verbringen. Nolens volens musste ich bey einbrechender Nacht im nächsten Dorfe bey einer jüdischen Witwe einstehen. Ich stellte an sie die Anfrage, mich für den Osterabend und die darauffolgenden zwei Tage in Kost und Unterkunft zu nehmen, was sie gerne zugestand, nachdem ich ohne zu feilschen einig wurde. Doch wie gross die Armut in vielen Familien ist, ersah ich zu meiner nicht geringen Verwunderung. Dem bekannten Seider freute ich mich auch beyzuwohnen, er sollte mich an mein liebes Vaterhaus erinnern und vergegenwärtigen die vielen kindlichen Freuden jenes Festes von vergangener Zeit. Der Seider wurde hier von

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