Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 77 — ein freundliches Mägdelein aus der Haustür und reichte mir eine Gabe. Und so gelangte ich nach mehrtägigem Marsche nach Neuhaus. Die Ankunft. Vor den Toren der Stadt schüttelte ich den Staub von Gewand und Füssen, machte mich zurecht und ging auf die Handwerksherberge los. Nach üblichem Handwerksbrauch stellte ich mich ein und übergab dem Herbergsvater mein Reisebündel. Nachdem ich mich restauriert hatte, machte ich eine Rundschau in der Stadt, begab mich darauf auf die Suche um Arbeit. Nicht überall, wo ich gerne Arbeit genommen hätte, konnte ich unterkommen, denn mein Alter zeigte nicht den reifen Gesellen. Endlich gelang es mir doch, bei einem rücksichtsvollen Meister einzutreten. In der Folge fand er meine Leistungen als nach der Lehrzeit für meine jungen Jahre zufriedenstellend. Obwohl mir damals das Cherchez les femmes (!) noch nicht bekannt war, erkannte ich, dass durch mein gefälliges Benehmen gegen die Frau Meisterin und deren Kinder mir selbe sehr zugetan wurden, und dass mir in meiner Stellung eine Bevorzugung gegen andere Gesellen stets zugute kam. Auch meine Geige, die mir in meinen Ruhestunden stets eine nicht zu vermissende Gesellschafterin war, zog einen Kreis jüngerer und älterer Zuhörer an, die sich hierdurch auch an mich hingezogen fühlten. Ich wurde beliebt, heimisch im Hause und arbeitete zufrieden hinter meinem Webstuhl. Das gewohnte Bedürfnis, an Sabbat- und Feiertagen meine Andacht im Gotteshause zu verrichten, konnte ich nicht unterlassen. Auch war es für mich als Fremdling wohltuend, in sehr sympathischer Sphäre unter Glaubensgenossen, ein Fühlen unter den Seinigen. Ich fand mich dabei wohl und weniger fremd. Es war stets traditionelle Sitte jener Zeit, dass, besonders an hohen Feiertagen, es jedes jüdische Familienhaus sich zur angenehmen Pflicht machte, zumindest einen Fremdling an seinem Tische bewirten zu können, bei wohlhabenden Familien deren mehrere. Ungeachtet ich mich lange einer solchen Einladung entzogen hatte, wurde ich gedrungen, dennoch selbe anzunehmen. Beim Ausgange aus dem Tempel trat mir der Diener des Gemeindevorstehers Bobele in den Weg mit dem Auftrage seines Herrn, am vorstehenden Feiertage zu Gaste zu kommen. Herr Bobele war mir nicht fremd, indem ich mit bestellter, abzuliefernder Weberarbeit von meinem Meister zu Herrn B. oft gesendet war. Herr B. war zu jener Zeit einer der ersten ärarischen Lieferanten, somit auch in Leinwand und Weberartikeln. In der Tat fühlte ich mich geehrt und nahm dankend die Einladung an. Ich war erfreut über das Wohlwollen, das mir ausnahmsweise von seiten der Frau und des Herrn B. zuteil wurde. Ich schmeichelte mir, einen guten Eindruck gemacht zu haben und gerne gesehen zu sein und musste in der Folge oft ins Haus kommen.