Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 76 — Welt zu suchen. Mein Weg geht nach Neuhaus, wo die Kunstweberey bestens betrieben wird, da will ich in Arbeit einstehen, um mich in meinem Handwerk zu vervollkommnen, und werde Euch von dort aus meinen Brief über weiteres zukommen lassen. Gott befohlen, auf glückliches Wiedersehen! Nehmt die Küsse von Eurem treuen Sohn .... Diesen Zettel befestigte ich an dem Halsband „Türkis. In der Erinnerung an die blutigen Türkenzüge, die damals in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch im Volksmunde lebten, wurde dieser Name im Volke oft den Hunden beigelegt. Nun musste ich meinem treuen Begleiter zu verstehen geben, dass wir voneinander scheiden müssten und dass er die Botschaft nach Hause bringen sollte,was doch das Tier nicht einsehen wollte, bis ich drohend mit meinem Stocke ihm den Rückweg anbefahl. Das Tier muss mich für seine Treue undankbar gehalten haben. Aber ich konnte nicht anders; ich erzielte meine Absicht, dass Türk am selben Tage mit dem Zettel am Halsbande in der Heimat eintraf. Eine trüber Ueberraschung war das für meine Eltern, und ich musste noch später hierüber harte Vorwürfe vernehmen. Durch Sparsamkeit und Fleiss hatte ich mir soviel erworben, um auf eigene Faust mich eine Zeit durchzubringen, für die äussersten unvorhergesehenen Fälle hatte ich auch einen Schatz verborgen. Es war das ein Theresienthaler, den mir meine teure Mutter zu meiner Konfirmation schenkte. Den umhüllte ich mit Wachs und darüber gewundenen Zwirn mit eingesteckter Nadel, das darauf einen Zwirnknaul bildete, dessen Inhalt niemand ahnte. Ich machte möglichst lange Märsche, um nicht einkehren zu müssen und mit dem Wenigen auszulangen. Ich zog fort in der Richtung gegen Neuhaus, war aber irregegangen, so dass ich auf diesem Marsche am Damme des Rosenberger Teiches übernachten musste, da eine Ortschaft spät nicht zu erreichen war. Dieses Uebernachten blieb mir lange im Gedächtnis, denn trotz Ermüdung hatte ich kein Auge geschlossen. Die Wasser- und Sumpfvögel mit ihrem unablässigen Geschrei beim Auf-'und Niederfliegen, der Ruf der Nachtvögel an der Seite des bewachsenen Dammes bereiteten mir als Neuling keine angenehme Nacht, so dass ich den grauenden Morgen sehnsüchtig erwartete, um von der Stelle zu kommen. Der Weg längs des Teiches ging noch Strecken weit, so dass ich erst am schwülen Tage in den Fluren eine Wirtschaft erreichte. Da ich auf einen Mundvorrat bei längeren Fusstouren stets bedacht war, fand sich noch ein Rest Brotes in meinem Bündel, das ich mit Appetit als Frühstück verzehrte. Im Hofraum einer freundlich gelegenen Wirtschaft erblickte ich einen Brunnen, an dessen Umrahmung der Wasserbottich mittels Kette an der Welle und Korbel mich zu einem Trünke einlud. Während ich diesem zusprach, kam