Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 75 — zu haben.. Da fürs 1. meine Entschuldigung nicht ausreichend, für das 2. von mir nicht erwiesen werden konnte, dass ich die Beschuldigung als ungerecht von mir weisen konnte, erhielt ich demzufolge eine derartige Lektion, wie nie zuvor. Dies verletzte mich tief in meinem Ehrgefühl. Ich war nicht gewohnt, so harte Worte zu erfahren. Nichts konnte mein erregtes Qemüt beruhigen. In meiner Aufregung fasste ich den unabänderlichen Entschluss, in Kürze meinem heimatlichen Herd, dem elterlichen Hause Valet zu sagen. Und so kam es auch in Kürze zur Ausführung. Heimlich bereitete ich mich in aller Stille, so gut ich konnte, mit dem Nötigsten zur Ausrüstung für die Abreise in die Fremde vor. Als nun nach Tunlichkeit das unumgänglich Notwendigste in Bereitschaft war, schnürte ich mein Bündel. Wie konnte es auch anders sein, als dass auch mein Herz geschnürt war? Selbstverständlich, denn ich hätte so viel mir Liebes und Teueres zurücklassen müssen auf ein fragliches Wiedersehen. Und du, meine Geige, dich lasse ich nicht zurück. Meine Heimatsklänge will ich mit dir mitnehmen. Ich schlief die letzte Nacht im Elternhause! Doch ich wachte vielmehr, denn die Erregung, das Bewusstsein einer herben, geheimen Trennung Hess den Schlummer nicht zu bis zum ersten Grauen des Morgens. Nun war es Zeit, aufzubrechen, ohne dass die Schlafenden in Hause erwachten. Ich fasste ein Herz, packte mein Wohl und Wehe, und, den Wanderstab in der Hand, schritt ich reisefertig über die Hausschwelle, richtete einen letzten Abschiedsblick auf die Stätte meiner Lieben, mit Wehmut im Herzen und mit versteckter Stimme rief ich: „Mein Gott — auf ein glückliches Wiedersehen!" Ich hatte ja noch meinen treuen Begleiter, der mir oft zur Seite, der drängte sich heran, als würde er sich's nicht nehmen lassen, mir das Geleite zu geben. Ich Hess es geschehen. Vorwärts, doch beklemmten Herzens ging es nun vor Tagesanbruch über Berg und Tal. Nie empfundenes Gefühl bemächtigte sich meiner, denn ich fühlte mich dennoch vorwurfsvoll ohne elterlichen Willen und geschwisterliche Verabschiedung. War ich ja doch stets der Liebling meiner Eltern, besonders der teuern Mutter. Bei diesem Gedanken konnte ich mich eines tiefen Wehes nicht erwehren. Nachdem ich bereits einige Stunden Weges in dieser Stimmung zurückglegt hatte, machte ich Halt, um auszuruhen. Nachdem ich mich erholt hatte, nahm ich Papier und Stift, welche ich beigepackt hatte, zur Hand und schrieb folgende Zeilen an meine Eltern: „L. E.! Wollet mir nicht grollen über meinen Entschluss, ohne Eure Erlaubnis das Haus verlassen zu haben und in die Fremde gezogen zu sein. So sehr lieb und theuer mir meine Heimath ist und ich Euch, 1. Eltern, schätze und achte, konnte ich es doch nicht überwinden, in die Welt zu gehen, um mich in meinem Fach zu vervollständigen und eine günstigere Zukunft mir anzubahnen, als mir in unserem Dorfe bevorstand. Es drängt mich, mein Glück und Fortkommen in der