Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 73 — Heimat nicht mehr Wissen holen, meine Collegien waren erschöpft und ich wusste bereits soviel als meine Lehrer. Nun, es war nicht viel zu wählen unter den primitiven Gewerben, die im Dorfe betrieben wurden, und da ich mich denn doch entschliessen musste, so griff ich zur Kunstweberey, die daselbst im Orte betrieben wurde, und trat nun derart in die Lehre, um etwas zu werden. Wohl begriff ich es in meinem Wissensdurst, dass, nach dem Unterricht, wie er da bestand, auffällig ungenügend und lückenhaft mein Wissen sey. Des Lesens kundig, verschaffte ich mir nach Möglichkeit Bücher, um durch nützliches Lesen die Lücken meines Wissens und den Mangel an weiterem Unterricht nach Möglichkeit zu ersetzen. Das Kienholz zur Beleuchtung, da die Kerzen nicht ausreichten, wusste ich mir zu verschaffen, um während der Nacht lesen und mich selbst unterrichten zu können; denn die Tagesstunden waren ja fürs Handwerk bestimmt. Meine Qeige und meine Bücher waren zugleich meine Erholungen, wovon ich nicht zu trennen war. Hierbey oblag ich volle zwei Jahre mit Fleiss der Lehre im Handwerk. Nun erwachte auch der Gedanke, dass ich nach der Lehre in die weite Welt hinaus muss. Um einen Vorgeschmack des Reisens zu haben, ersuchte ich meinen Vater, mir eine Vergnügungsreise zu gestatten, und zwar bey den geringsten Reisespesen. Unser kleines Hausgeschäft bedurfte es, einigemahl des Jahres zum Einkaufe der Waren den Weg nach Prag durch einen gemieteten Frachter zu machen. Nebst allerhand Producten und Gegenständen, die in der Hauptstadt verwertet werden sollten, wurden auch leere Kisten und leere Fässer mitgenommen, um die in der Stadt einzukaufenden Waren zu verpacken. In einem dieser leeren Gefässe wurde mir Platz eingeräumt für die vorhandene, damals langwierige und ganz beschwerliche Reise, und so gelangte ich glücklich in der Kiste mit Stroh und Heu verpackt nach der Hauptstadt. Ich sah, welch ein Unterschied zwischen meinem Dorf und der vor meinen Augen liegenden Welt. Ein anderes Bild, eine andere Vorstellung ergriff von der Zeit meine Sinne, meine Einbildungskraft: ich war nicht mehr der im Heimatsdorfe eingepferchte Junge. Ein anderer Horizont eröffnete sich meinen Augen und meinen Sinnen, Zu klein und unzureichend wurde mir die Welt meiner Heimat. Die Sehnsucht in die weite Welt hinaus machte in meiner Phantasie die Flügel wachsen, meine Sinne waren nicht mehr an mein Heim zu fesseln. An meinem Webstuhl durchkreuzten sich Gedanken der Zukunft, der weiten Fremde. Meine Heimat wollte mich nicht mehr binden. Das unstette Schifflein am Webstuhl erinnerte mich an das kreisende Weltschiff.