Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 17 (1914)
- Issue
- 3 (1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 71 — kannt und geachtet war. Mit dem Wunsch, dass mir einesteils gelingen möge, ein Bild zu entwerfen, das seines teuren Andenkens würdig, nehme ich die Güte des Lesers in Anspruch. Da ich dieses Lebensbild wesentlich im Interesse nachfolgender Generationen und des Verwandtschaftskreises darzulegen versuche, entschuldige ich mich wegen detaillierter, umständlicher Aufzeichnungen und Abschweifungen, die wohl so mancher Leser ohne Interesse lassen, jedoch für jene, welche ihn bei Lebzeiten hoch verehrten, noch Interesse haben. In Böhmen, im Taborer Kreis, nächst dem alten Schlosse Sternberg, liegt das kleine, freundliche Gebirgsdörfchen, in dem sich, wie mir aus meinen Kinderjahren in dunkler Erinnerung vorschwebt, ausser einigen kleinen Bauernwirtschaften und Häuslereien eine bescheidene Pfarre und Schule vorfindet. In deren Nähe steht ein in Holz in alter Bauart errichtetes ebenerdiges Häuschen. Daselbst war der Zirkulationspunkt für Ex- und Import der Dorfbewohner, in dem das Dorfgeschäftsleben jener Landschaft, wie es zu jener Zeit vorkam, in bescheidener Weise vertreten war. Zu jener Zeit gehörten die Bevorzugten in Israel (Schutzjuden) zu denen, denen es gestattet war, mit etlichen Spezerei-Artikeln, Tabak usw. für die Gebirgsbewohner zu handeln. Dieses Geschäft wurde noch von den Eltern unseres Helden betrieben. Vor etwa einem Jahrhundert entstammten dem dortigen alten würdigen Elternhause zwey Söhne, Josef und S., und eine Tochter, Louise Janowitz. Der Jüngere der Söhne war Josef Kraus, dessen Schilderung und Lebenslauf ich zumeist seinen eigenen mündlichen Mitteilungen verdanke. Von Natur aus allseitig körperlich und geistig bestens veranlagt, gedieh er als Knabe gesund und frey, als Liebling nicht nur seiner Eltern, sondern von jedem seiner Umgebung. Sein frühzeitig erwachter Trieb nach Wissen konnte wohl nur wenig Gelegenheit finden, um nur das nöthigste Wissen zu erreichen, da nur eine jener Zeit übliche böhmische Elementardorfschule zu Gebothe stand. Selbstverständlich war für ihn ein derartiger Unterricht bald erschöpft. Nach einer schönen Kunst sehnte sich der wissensdurstige Knabe, die ihm sein Heimatsort nur in sehr begrenzter Weise bieten konnte. Es war das die Musik, für die er so sehr begeistert war. Nun wurde vom Dorfschulmeisetr, dem Leiter der Kirchen- und Tanzmusik, den Bitten des Knaben Gehör gegeben, ihn in dieser Kunst zu unterweisen. Doch meinte der Dorf Schulmeister: „Mein lieber Junge, ich werde Dich unterrichten, aber ohne Noten; denn Du wirst ja, als Jude, nie in der Kirche bey der heiligen Messe spielen." „Nein, nein," entgegnete der Knabe, „nur nach Noten, denn ich will, so ich gut spiele, auch in der Kirche auf dem Chor mitspielen." Und nun ward auch im Stillen nach Noten die Geige unterrichtet. Es war der Knabe stolz, den besten der Musikzöglinge